Wir haben es getan

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Wir haben Salvador verlassen. Unter Tränen unsere Freunde zurückgelassen. Und eine Stadt, einen Ort, der sich wie „Zuhause“ anfühlt.

Aber das meine ich nicht.

Den Abschied feierten wir mit unseren Freunden in der besten Churrascaria der Stadt. Es war so lecker! Aber war vielleicht auch ein Fehler – und auch nicht, was ich meine

Wir verließen Salvador mittags bei einsetzender Ebbe. Der Wetterbericht versprach relativ schwachen Wind, um die 15 bis 18 Knoten, erst mal aus eher östlicher Richtung, dabei mit der Abnahme der Breitengrade immer mehr auf Süd drehend. Soweit die Idee…

Auf Wiedersehen!

Auf Wiedersehen!

Die ersten Stunden fuhren wir also mit Motor und Großsegel hart am Wind hinaus aus der Bucht, um nach der Baixa Santo Antonio nach Nordosten abzudrehen. Weiter ging es relativ hart am Wind, diesmal ohne Motor. Die Wellen waren okay, Wind auch. Wir ließen uns die Kibe, arabische faschierte Laberln oder Frikadellen, die Dalva extra für uns zum Abschied gemacht hatte, gut schmecken, ebenso die Semmel und den Tomatensalat.

Ich mache es kurz: Wir behielten alles in uns, allerdings war es auch praktisch das letzte, das wir in vier Tagen gegessen haben.

Denn die Tabletten gegen Seekrankheit, die ich in Salvador gekauft hatte, halfen nicht. Uns den Bauch am Abend vorher nochmals vollzuschlagen, war wohl auch nicht klug.

Da lache ich wieder - und noch

Da lache ich wieder – und noch

Als die Nacht anbrach, waren wir gerade mal vor Itapuan – das sagt dir wahrscheinlich nichts, unseren Töchtern aber schon. Jedenfalls ist es gerade mal um die Ecke… Zumindest mit dem Auto, siehe Beitragsfoto.

Der Wind pendelte sich so um die 18 Knoten ein, aber die Wellen waren – Scheiße. Yemanja hüpfte wie ein bockiges junges Pferd, das gerade zugeritten wird und alles tut, um seinen Reiter abzuwerfen. Irgendwie kam ich da auf blöde Ideen.

Und da die Welt so ist, wie in meinem Kopf, und außerdem alles wächst, dem wir Aufmerksamkeit schenken, wollte ich die nicht auch noch nähren…

Sabine Olscher von Ferngeweht, hatte kurz vor unsere Abreise zu einer Blogparade „Stadt-Land-Fluss“ aufgerufen, und das rettete mir quasi das Leben. Es half ungemein, die nächsten drei Tage und Nächte zu überstehen, denn besser wurden die Bedingungen nicht…

Also spielte ich „Stadt, Land, Gewässer, Gebirge, Sehenswerter Ort“ in meinem Kopf, einfach das Alphabet durch. A wie Amsterdam, Amstetten, Athen, Addis Abeba – Algerien, Afghanistan, Argentinien, Andorra, Angola, Albanien (also ihr merkt schon, alles das mir einfiel in meinen Dämmerzustand mitten bei der Nachtwache) – Attersee, Ahr – der naheliegende Annapurna fiel mir wesentlich schneller ein, als der exotische Anninger, der Berg vor der Haustür meiner Kindheit – Allgäu, Anatolien, Andalusien…

Schwierig war auch zu entscheiden, ob der Mount Everest unter M oder E kommt, ebenso Lago Maggiore? L oder M? Ist Kärnten ein Land oder gelten Bundesländer nicht? Schwerwiegende Fragen! Umlaute legte ich unter die „Joker“ X bzw. Q… Bei Z angekommen, begann ich von neuem. Bei Sehenswürdigkeit galt Disneyland genauso wie Donaudelta, also alles worüber man bloggen könnte. Dazwischen döste ich. Oder überlegte schon mal, was ich über die Newa für die Blogparade schreiben werde.

Jedenfalls gingen die ersten zwei Nächte vorbei, mit drei Scheiben Zwieback und einer kleinen Handvoll Nüsse. Dann bekam ich unbändigen Appetit auf Palmherzen…

Sie taten mir sehr gut, allerdings kam das flaue Gefühl im Magen immer wieder.

Wenigstens konnte ich schlafen, Tomy eher nicht. Das heißt ich hielt meisten Wache. R – ein Fluss mit R??? Gibt es denn keinen Fluss mit R?

Irgendwann kam ich auf Rhein

Am dritten Abend kam eine Inspiration über uns: „Wir reffen!“ Das wäre auch besser fürs Material, meinte Tomy.

Ha!

20 Minuten später waren aus den angesagten 20 Knoten, 28 Knoten Wind geworden. 34. 38. Landratten können sich vielleicht besser etwas unter 8 Beaufort Windstärke vorstellen. Dazwischen ging der Wind runter auf 22 Knoten. Immer noch gegen an.

Ich sandte Dankesgebete für unsere Eingebung zum Himmel.

Dann ein Knall, als ob jemand ein Holzbrett aufs Deck geworfen hätte. Erschrocken blickte ich auf Sissi, unsere Windpilotin – die übrigens hervorragende Arbeit leistete. Doch sie hielt uns weiterhin auf Kurs, ritt brav die Wellen ab. Mit einer Taschenlampe suchte ich die Ursache, fand aber nichts.

Weitere zwei Stunden später blickte ich aufs Segel: Es war ganz, aber die Halterung des Refftaues, ein Plastikteil, war weggerissen. Samt Schraube. Wie war das gleich nochmal mit dem Denken?

U wie Ulaanbaator; Uruguay, Ungarn, Ukraine; Uturuncu – nein erst ein Gewässer, der Uturuncu ist ein Vulkan…

Wenn mir in Jacare jemand 100000 Euro für mein Schiff bietet, kann er es haben. Samt Inhalt. Na gut, ohne Laptop, Kamera, meinem Lieblingskleid und Gustav.

W ist leicht: Wien (Stadt); Wien (Bundesland); Wien (Fluss); Wiener Berg; Wiener Wald… Damit kann ich natürlich keine Punkte machen, wenn ich mit Österreichern spiele.

Tomy, mein geliebter Piefke, mochte nicht mitspielen.

Er band das Reff provisorisch fest und wir konnten gut weitersegeln. Es wäre natürlich fürs Segel am besten gewesen, in das zweite Reff zu binden, aber in der Nacht, bei dem Seegang, den überkommenden Wellen, wollte ich Tomy nicht am Vorschiff haben. Außerdem war es unwahrscheinlich, dass der Wind noch mehr werden würde, schließlich gibt es im nördlichen Südatlantik keine Stürme. Und daran hat sich der Atlantik auch zu halten!

Wir holten das weitere Reffen am nächsten Tag nach, als Wind und See sich etwas beruhigt hatten. Von da an war das Segeln auch angenehmer. Die letzte Nacht machte sogar wieder Spaß! Yemanja tanzte und surfte wieder fest und sicher geführt vom Windpiloten über die Wellen, wie ein fröhlicher kleiner Korken, bis zu 13,5 Knoten schnell. Das allerdings nur für ein paar zehntel Sekunden.

Kurz vor dem Einbiegen Richtung Einfahrt in den Rio Paraiba kamen uns noch zwei Containerschiffe in die Quere. Eines ließen wir passieren, das andere kam näher, als mein Sicherheitsgefühl es mag – genau zu dem Zeitpunkt setzte der Regen ein. Wir konnten kaum das Vorschiff sehen, geschweige denn, die Medea! Doch über Funk wurde die Situation schnell geklärt.

Nach 98 Stunden, mit insgesamt 6 Kibe, einer Tomate, einem Brötchen, zwei Gläsern eingelegten Palmherzen, vier Handvoll gemischten Nüssen, 12 Scheiben Zwieback und drei Dosen Cola im Magen und einem ausgiebigen Schlafmangel lagen wir sicher an der Boje in der Marina Jacare Village  im Rio Paraiba zwischen Cabedelo und Joao Pessoa.

Gaaaaanz wichtig: WIFI

Gaaaaanz wichtig: WIFI

Und was wir jetzt Ungeheures getan haben?

Wir liefen an einem Freitag aus! Und das tut ein abergläubischer Segler nicht…

Bist du auch schon mal an einem Freitag zu einem längeren Törn aufgebrochen? Spielen Kinder heute noch Stadt-Land-Fluss?

Ach ja: Yemanja steht ntürlich nicht zum Verkauf!

INFO

Törn: Salvador da Bahia bis Jacare/Cabedelo
Ablegen 11:30 Ortszeit bei einsetzender Ebbe
Fahrtzeit: 98 Stunden
Wind: Von 10 bis 38 Knoten in Boen
Windrichtung Ost, Südost auf Süd drehend
Meilen: 520
Größtes Etmal: 139 Seemeilen

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