26. April 2015
von Steffi
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Tia – Ilha dos Frades

„Tia“ – Tante, nennt mich Lucas, so wie wir als Kind früher die Freundinnen der Mutter Tante gerufen haben, auch wenn sie nicht zur Verwandtschaft gehörten. Lucas ist das Kind, mittlerweile ein junger Mann, das wir hier füttern, zumindest geistig, denn wir unterstützten ein wenig seine Schulbildung und sorgten dafür, dass er in einer sicheren Umgebung aufwächst.

Lucas und Joselito

Lucas und Joselito

„A Senhora“ oder „Donna Stefanie“ nannte mich Dalva, seine Mutter respektvoll, damals als sie meine Wohnstatt für mich sauber hielt. Mittlerweile sind wir längst bei „Stefanie“ angelangt, Steffi kann sie nicht aussprechen. Zwischen uns liegen Welten, in Hautfarbe, Kultur, Bildung, sozialen Status und Einkommen und dennoch gelingt es uns irgendwie, die Balance zwischen Geben und Nehmen zu halten und einander auf Augenhöhe zu begegnen. Aber vielleicht ist das auch nur die Illusion einer, mit der es das Leben gut meint.

Dalva und ich

Dalva und ich

Kennengelernt habe ich Dalva, als sie mit einem Putzkommando im Auftrag von Tomys Arbeitgeber unser Haus beim Bezug einer Grundreinigung unterzog. Sie sah alles, scheuchte ihre Kollegen herum, gab ihnen Anweisungen und war selbst am fleißigsten dabei. Spätestens als sie die Kollegen die Leiter hochklettern und die salzigen Wände abwaschen ließ, war mit klar: Die und keine andere sollte zweimal in der Woche bei uns für Sauberkeit sorgen.

Und sie räumte das Zimmer der pubertierenden Zwillinge auf – muss ich wirklich Details erwähnen? Sie putzte die Fenster, wischte den Staub, wusch das Geschirr, schrubbte die Bäder, vier an der Zahl, denn in Brasilien gehört zu jedem Schlafzimmer eines, bügelte die Wäsche, überzog die Betten, sprach mit mir Portugiesisch und als sie mittags damit fertig war, begann sie Plastiktüten fein säuberlich zu falten.

Zumindest beim ersten Mal, denn ich schickte sie nach getaner Arbeit nach Hause zu ihrem kleinen Sohn, ihrem ganzen Stolz, ihrer Hoffnung. Manchmal musste sie ihn mitbringen. Immer kam er adrett und sauber gekleidet, zog sich dann um, damit er im Garten spielen konnte, während sie seine Lunchbox mit frischen Früchten in den Kühlschrank stellte.

Lucas war – und ist – wiff, hatte immer gute Noten, war Klassenbester. Und Dalva war klug genug, kein zweites Kind zu bekommen, so gern sie ein kleines Mädchen gehabt hätte: Sie wusste genau, dass sie nur einem Kind eine halbwegs solide Bildung finanzieren konnte, während zwei Kinder sie für immer in Armut halten würden. Und sie hatte einen Mann an ihrer Seite, der liebevoll, umsichtig und stark für seine kleine Familie sorgte.

Und manchmal halfen wir mit. Sie sind unsere brasilianische Familie.

Mittlerweile hat sich Dalva zur Buchhalterin hochgearbeitet. Mehr als Salario minimo bekommt sie allerdings nicht dafür – sie hat ja keine Ausbildung! Und – typisch frau – sie will da nicht weg, die Kollegen sind so nett!!!

Letztes Wochenende luden wir sie alle ein, mit uns zwei Tage lang in der Bucht zu segeln. Weder Dalva noch Lucas waren je in Itaparica oder auf einer der Inseln gewesen. Wir motorten in die kleine Bucht im Süden der Ilha dos Frades. Die Schoner Boote legten gerade Richtung Itaparica ab, der schöne Strand blieb uns allein überlassen. Leider war uns schnell klar, warum: Die Strandbars dort sind unverhältnismäßig teuer. Also tranken wir nur ein Bier, Dalva, Cássia, Lucas Freundin und ich stapften die Treppe zu der kleinen, weiß-blau gestrichenen Kirche hinauf. Dalva war entzückt: Diese Aussicht! Das türkisfarbene Meer, die grünen Bäume davor, im Hintergrund die Stadt – ja, es ist schön hier! Mich faszinierten allerdings die Geier am meisten, die fast zum Greifen nah über die Klippe und unsere Köpfe segelten. Wunderschöne Vögel sind das!

Lucas tauchte im Meer, Tomy bewachte unsere Klamotten und Joselito handelte den Preis für das Bier herunter, danach fuhren und schwammen wir zurück zum Schiff. Zwar hätte es noch einige einsame Strände zu erkunden gegeben, doch wir hatten Hunger. Dalva hatte köstliche Kibe, Feijao tropeiro und Molho de pimenta mitgebracht – arabisch-brasilianische Hackbällchen, Bohnen und scharfe Soße. Einfach köstlich!

Da der Ankerplatz zu ungeschützt für die Nacht ist, segelten wir danach nach Itaparica, wo wir mit Tom von der Cariad und Kathie und Franco von der Caramor Pizza essen gingen. Kathie verfeinerte ihr Portugiesisch mit Joselitos Hilfe. Am nächsten Tag drehten Lucas und Cassia noch eine Runde mit dem Dinghi durch den Ankerplatz, dann ging es zurück nach Salvador.

Lucas mit Freundin

Lucas mit Freundin

Foi um passeo bom, mutio bom! War ein schöner Ausflug!

Kaum sind sie weg, sitze ich fassungslos am Niedergang: Niemals, nicht mal unter Androhung von Gewalt wäre ich fähig die Decken so makellos faltenfrei auf die Sitzpolster zu legen! Wie macht Dalva das? Sie muss magische Hände haben!

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23. April 2015
von Steffi
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Zweites Paradies am Höllenschlund

Krebse! Millionen Krebse!

Nur unter großem Gezetere zieht Tomy mir zu Liebe das Dinghi auf die Sandbank neben dem Mangrovensumpf. Ich habe meine Flip Flops längst ausgezogen, sie saugten sich im Schlamm fest, doch barfuß ist ein wunderbares Gefühl: Der feine Schlamm fühlt sich seifig-cremig wie Ghassoul an, jene marokkanische Pflege, mit der ich mich gerne wasche. Die Krebse stören mich nicht, obwohl sie sich spinnenartig bewegen, sie fliehen bei der kleinsten Erschütterung und verkriechen sich tief im Schlamm.

Millionen Krebse fliehen vor mir

Millionen Krebse fliehen vor mir

Tomy bleibt im Dinghi sitzen, während ich die Sandbank erkunde: in der Ferne laufen Kinder, in der anderen Richtung stapfen weiße, Reiher-artige Vögel im Schlamm. Über uns kreisen die schwarzen Geier und die Bem-te-vis begrüßen mich mit ihren meisenartigen Ruf. „Zizibe, Zizibe!“ rief mein Onkel Franz im Frühjahr die Meisen, jener, der sich um die neugeborenen Kätzchen kümmerte, und dem man nachsagte, dass er mit den Tieren reden konnte. Mag ich deshalb den Ruf des Bem-te-vi so gerne? Weil er mich in die Zauberwelt meiner Kindheit entführt?

Tropische Wattlandschaft

Tropische Wattlandschaft

Tomy sitzt immer noch im Dinghi, als ich wiederkomme, wenigstens ist er nicht mehr mürrisch.

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Später treffen wir uns mit Tom, Anja und Thomas am Dorfplatz auf ein Bier. Oder zwei. Oder…

Auf den Stromdrähten balancieren die Macacos, die kleinen Affen. Ein Junge wirft Knallkörper, doch nur wir erschrecken und sind von dem Krach genervt. Die Dorfpolizisten führen einen Schwerverbrecher in Handschellen ab, begleiten ihn schwerbewaffnet zur Fähre. Die Beweismittel, bunte Vögel im Käfig, tragen sie nebenher.

Gefangene Vögel

Gefangene Vögel

Wir drehen noch eine Runde durch den Ort, fotografieren die Marterln, die an jeder Ecke stehen. Autos gibt es hier keine, nur Mopeds, Fahrräder und kleine Baufahrzeuge. Der gesamte Ort wird neu gepflastert, das Ufer, soweit öffentlich, neu angelegt. Saveiros und Lastenkähne bringen die Pflastersteine, gerade so viele, wie an einem Tag verarbeitet werden können. Vieles ist einfach hier, und doch blüht das Leben. Die Menschen helfen einander, Nixon von der Bierbude, passt nicht nur auf unsere Dinghis auf, er hilft auch beim Entladen der Dachziegel. Alles wird per Boot gebracht: Getränke, Spülbecken, Waschmaschinen…

Nixons überdachte Bierkühltruhe ist ein großartiger Aussichtspunkt!

Daumen hoch für Nixon

Daumen hoch für Nixon

Anja, Thomas und Tom haben gut gegessen, obwohl keines der Restaurants im Ort offen hatte: Die Dame im Supermarkt hatte sie durch den halben Ort geschleppt und an jeder Tür gefragt, ob sie genug für die Drei hätten. Eine Familie hatte Huhn, Reis, Bohnen, Salat und Cola für 40 Real. Ich frage später in einer Bar nach Essen, doch nein, hier gibt es nur Flüssignahrung. In der Ecke wird zwar gegrillt, doch das sei privat.

Kurze Zeit später steht Privat lächelnd mit einem fliegenumschwärmten Teller voller Farofa, jener staubigen Beilage, die die Baianos so lieben, und einem gegrillten Fisch vor uns.

Anja staubt

Anja staubt Farofa

Wieder sind wir von diesen freundlichen, vom Tourismus noch völlig unverdorbenen Menschen eingeladen. Ja, es ist das zweite Paradies.

Heimfahrt

Heimfahrt

Die Hölle, das Feuer der Raffinerie, liegt gleich dahinter. Auch zu Hause sehe ich in der Ferne manchmal die Flamme, mit der Gase bei Bayer Leverkusen abgefackelt werden. Mehr als ein Schein hinter dem Berg ist es auch hier nicht. Und doch pulsierte es brüllend in der ersten Nacht, schwellte an und ab, ja, die Druckwelle war fast körperlich spürbar, zumindest dachten wir das. Vielleicht kommt das rhythmische Brüllern und Gewittern auch vom Laden der Schiffe, doch wir bringen es unwillkürlich mit dem Feuer zusammen. So muss es sich am Rande jenes Höllenschlundes anfühlen, in dem Frodo den Ring werfen muss…

Beides, Geräusch und Gefühl, sprechen eine Urangst an, gegen die es sich schwer wehren lässt. Wie schaffen es die Menschen hier, trotz dieses Stresses, so freundlich zu sein? Gleicht die Natur das aus?

Wir lassen uns auf zwei weitere Nächte ein, und siehe da, diesmal ist die Hölle leise…

Petrochemie

Petrochemie

22. April 2015
von Steffi
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Ilha do Bom Jesus

Gemeinsam mit Tom machen wir uns von Itaparica aus auf den Weg in den Norden der Ilha dos Frades. Dort soll es einen schönen Ankerplatz in einer Lagune geben. Thomas und Anja von der Robusta wollen auch kommen.

Grün ist sie, die Insel der Jesuiten, voller Kokosnusspalmen, Atlantischen Regenwald, Mangroven und vorgelagerten Sandbänken. Im ihrem Norden liegt die Ilha do Bom Jesus, mit ihren bunten Häuschen, dahinter die Petrochemie. Noch bevor wir uns an ihr stören können, biegen wir nach rechts in die Lagune. Kleine Inseln liegen in ihr, mit Mangroven bewachsen, eine mit einem neuen Hotel, das aus irgendeinem Grund noch nicht geöffnet ist (Später stellt sich heraus, dass es eine private Residenz ist). Sieht alles nach wohlhabenden Menschen aus! Und doch ist da jede Menge Natur! Schön ist es hier!

Hotel zwischen Ilha des Frades und Ilha do Bom Jesus

Residenz zwischen Ilha des Frades und Ilha do Bom Jesus

Gegenüber von unserem Ankerplatz wird ein Saveiro entladen. Mit diesen alten, breiten Kähnen werden immer noch Lasten in der Bucht transportiert: Mit ihren riesigen Segeln an einem natürlich gewachsenen Stamm sind sie unglaublich schnell, durch ihren geringen Tiefgang kommen sie auch über die Sandbänke.
Es ist schon fast irreal: Mit dieser Art Boot fuhren wohl schon die Indios in der Bucht, lange bevor die Portugiesen kamen. Wenige Kilometer dahinter liegt die Raffinerie, wo modernster Treibstoff hergestellt wird…

Ein Saveiro wird entladen

Ein Saveiro wird entladen

Gemeinsam mit Tom machen wir uns auf, die Ilha do Bom Jesus zu erkunden. Einladend sah sie schon von weitem aus, doch erst mal finden wir keinen Platz zum Anlanden. Die große, neue Steganlange uns gegenüber führt auf ein verwahrlostes Privatgrundstück, aus dem kein Entkommen ist. Also fahren wir mit dem Dinghi durch die Mangroven um die Insel herum: Boote aller Arten, Einbäume, Fischerboote, Motorboote, kleine Schoner und Lanchas liegen vor fast jedem Haus. Viele Häuser stehen auf Stelzen im Wasser, mit privaten Stegen oder Bojen davor, doch überall sind Tore, Mauern und Türen, keine Öffnung für uns. Ein junger Mann auf einem kleinen Lancha winkt uns überschwänglich, grüßt mit Daumen hoch. Er freut sich offensichtlich, uns zu sehen und deutet uns an, dass wir um die Ecke fahren sollen. Auch dort ist eine Mauer, vor einer Gschtetten, Wiese mit Baustelle, da sollen wir das Dinghi lassen können?

Wo können wir landen?

Wo können wir landen?

Doch schon wird uns wieder gewunken, drei Männer vor einer überdachten Kühltruhe geben uns zu verstehen, dass wir hier festmachen können. Sie nehmen die Leine entgegen, zeigen uns den besten Platz zum Festmachen. Klar, dass wir dort ein Bier trinken!
Die zwei Gäste sind nicht mehr Herr ihrer Zunge, doch sie beteuern, dass dies hier das zweite Paradies ist, alles ehrliche Leute hier, wir bräuchten keine Sorge zu haben. Das strahlende, offene Lächeln des jungen Wirtes, der alles auch noch in verständlichem Portugiesisch wiederholt, tut sein Übriges.
Die Dorfkinder gesellen sich zu uns, blicken begehrlich zum Dinghi. Wir sehen es schon von ihnen okkupiert, doch die drei Männer versichern uns, dass sie darauf aufpassen werden.

Bezahlen lassen sie uns auch nicht. Wir wären selbstverständlich eingeladen.

Die Dorfstraße ist neu gepflastert. Am Platz spielen die Kinder Fußball. Wir werden neugierig beäugt. Vor den Häusern sitzen die Alten, so wie überall auf der Welt, und schauen, wer da vorbeigeht. Alle grüßen mit diesem hinreißenden baianischen Lächeln – als ob die Sonne aufginge! Wie ich es liebe!

Wo ist das Tor?

Wo ist das Tor?

Ein Wurf Welpen spielt im Staub, wir können gerne einen mitnehmen, sagen die Nachbarn. Diesen Augen widerstehen!

Aber nein, weder Tom noch wir können einen Hund an Bord brauchen!

Die nächste Überraschung wartet neben der Kirche: Dieser Ort hat eine Philharmonie! Und das seit über 100 Jahren! Mir bleibt der Mund offen stehen…

Die Philharmonie

Die Philharmonie

Derweil entdecken die Männer die Robusta: Sie kommt hart am Wind von Salvador herübergesegelt, motoren kann sie ja nicht, der Motor ist kaputt.

Um die Ecke spielen ein paar Männer lautstark Domino auf der Straße vor der Kneipe. Die Frauen sitzen am Tisch daneben, wieder grüßen alle freudestrahlend und mit dem Daumen nach oben. Carne do Sol hat der Wirt nicht, aber Carne Seca aus dem Sertão, mit Puree de Aipim. Auch gut! Flugs wird ein Tisch für uns freigemacht, kaltes Bier gebracht und bald auch schon eine Schüssel mit Essen und drei Teller. ‘Nen Stern würde ich dem Koch nicht dafür geben, doch es ist schmackhaft, spottbillig und wir fühlen uns willkommen und wohl. Derweil walken Frauen ihre abendliche Runde, Väter tragen ihre Kinder herum, Pärchen bummeln Hand in Hand vorbei – so gut wie alle lächeln uns an.

Wieder haben wir Wunderbares gefunden, ohne zu suchen – Serendipity!

Und alle drei vereint, Cariad, Robusta und Yemanja, sind wir auch wieder.

Danke!

21. April 2015
von Steffi
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Grizzabella und die unbefleckte Empfängnis

Wir haben uns nicht an meinen eigenen Rat gehalten. Nämlich nicht ins Viertel hinter der Kirche Conceição da Praia zu gehen. Aber die Graffitis lockten.

Ihr müsst wissen, ich liebe Graffiti und Straßenkunst. Das ist einer der Gründe, warum ich Salvador so mag: Es ist voll davon! Mit Graffiti meine ich nicht diese Schmierereien auf schönen Häusern, oder in heruntergekommen Gegenden, voller Parolen und schwarzer Farbe. Das Graffiti das ich liebe, verschönert verkommene Ecken, ist bunt, fröhlich, phantastisch, manchmal kritisch und aggressiv. Und dieses Viertel gegenüber der feinen Marina, oft als Favela und als No-Go bezeichnet, ist voll davon.

Unten an der Straße fängt es an – ein Bild, um es fotografieren zu können, muss ich näher dran. Dahinter tun sich neue Welten auf. Noch an die nächste Ecke. Wow! Kaum ein Haus in der Straße ist nicht bemalt oder mit Mosaiken verziert! Wir gehen weiter, nur noch bis dahin, nein bis zum nächsten…

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Um die Ecke, aus einem besonders hübsch verzierten Laden, in dessen Vorgarten aus alten Kloschüsseln ein Buddha sitzt, winkt uns eine junge, fesche Frau mit offenen Lächeln zu. Ob sie uns das Kulturzentrum zeigen soll?

Com certeza!

In den Räumen haben die Künstler ihre bescheidenen Ateliers, Trommeln stehen herum, hier wird getanzt, gelacht, musiziert und gemalt. Das Centro Cultural que laderia e essa hat sogar eine Facebook-Seite und eine Homepage! Dies ist offensichtlich ein lebendiges Viertel, in dem die Menschen es dank einer knappen Handvoll Begeisternder geschafft haben, Erstaunliches auf die Beine zu stellen, Kontakte zu Künstlern in aller Welt zu schaffen. Ist das eine typische Favela, so wie wir uns das vorstellen, in der Drogen und Hoffnungslosigkeit regieren? Mir erscheint es eher ein Künstlerviertel zu sein, voller Querdenker und Träumer – was sie nicht reicher an weltlichen Gütern macht. Aber vielleicht erfüllter.

Grisbela, sie heißt wirklich fast so, wie die Katze mit den sieben Leben aus Cats, bietet uns an, uns die Straße hinauf zu begleiten. Fremde, sagt sie, werden misstrauisch beäugt und ich solle die Kamera vorsichtig einsetzen und keine Begehrlichkeiten wecken. Ihr Mann Marcelo Teles ist Maler und Anstreicher und als solcher streicht er den Grund für die Wandbilder. Stolz zeigt sie uns die Werke ihres fünfzehnjährigen Sohnes.

Nachwuchskünstler

Nachwuchskünstler

Und so steigen wir höher und höher in ein Viertel, in das sich wohl kein vernünftiger Brasilianer wagt, bewundern den Witz und die Ironie der Künstler, die jeden (Scheiß)haufen zur Zierde werden lässt, die Liebe zu ihrer Stadt. Ja, wir gehen sogar die Straße mit den Bögen, in denen Steinmetze ihrem Handwerk nachgehen, wieder hinunter. Fotografierend. Unbehelligt.

Scheißhaufen - Centro Cultural que laderia e essa

Scheißhaufen – das Haus damit ist mittlerweile eingestürzt

Die Straße der Steinmetze

Die Straße der Steinmetze

Und die unbefleckte Empfängnis?

Sie hat nach meinem Verständnis etwas mit Unschuld zu tun, aber nicht im sexuellen Sinn: Sicherheit liegt in dieser Unschuld, im Wissen dessen, was mich antreibt, was in mir ist, wer ich bin. Die liegt in der Erkenntnis und Vergebung meiner Gewaltbereitschaft, meiner Gier, meiner Aggressivität, meiner Bereitschaft, zu betrügen, und sei es ums Geld für den Parkautomat. Oder in der Erkenntnis dessen, wo ich mich selbst betrüge, mir etwas vormache, ja mir selbst, meinem ureigenen Wesen, Gewalt antue. Sie liegt in meiner Fähigkeit nicht zu beurteilen, sondern zu lieben was ist. Das kannst du als naiv, lächerlich, dumm, Psycho-Quatsch oder esoterisch oder sonst was abtun. Du kannst dich diesen Gedanken aber auch öffnen. Jemanden anderen, den Umständen, der Regierung, der Gesellschaft, den Eltern oder wem auch immer, die Schuld zu geben, ist jedenfalls einfacher. Und auf die Dauer leidvoller. Das schreibe ich aus Erfahrung.

Ich übe mich im Nicht-Urteilen, bin keineswegs perfekt darin, aber zumindest voller Vertrauen ins Leben, darin, dass alles einen Sinn hat. So kann ich mich öffnen und Grisbelas Einladung in ihr Viertel folgen. So finde ich wieder Wunderbares, ohne zu suchen – Serendipity.

Ja, so ist das mit dem Urteilen: Die Kirche Conceição da Praia sieht von außen wie eine Ruine aus, ich frage mich, ob wir da überhaupt reingehen können, ohne ein Trumm auf den Kopf zu bekommen. Doch sie ist offen: Hinter den schweren Türen verbirgt sich eine der schönsten und besterhaltensten Kirchen Salvadors!

Centro Cultural que laderia e essa

Und noch mal Unbefleckte Empfängnis!

Obrigado, Crisbela!

20. April 2015
von Steffi
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Sonntags in Barra

Verrückt! All die Brasilianer zieht es am Wochenende hinaus aus der Stadt, zu den Stränden, auf die Schoner Boote und in die Bucht. Was tun wir? Wir fahren am Wochenende in die Stadt, wieder ins Centro Náutico, weil es zentral gelegen ist. In die Stadt fahren wir diesmal, weil unsere Zwillings-Engel 30. Geburtstag haben und wir mit ihnen skypen wollen. Dazu brauchen wir gutes Internet, das wir bei unseren Freunden, Mollie und Nelson, finden.

Auch das Internet in der Marina reicht am Sonntagmorgen zum Chatten und so erfahre ich, dass es Anja nicht gut geht. Wie schlecht es ihr geht, merke ich erst, als sie bei uns am Schiff ist: Sie hat hier keine guten Erfahrungen gemacht. So hat sie kein Vertrauen mehr zu den Menschen hier, kann nichts Positives mehr an Salvador und Brasilien finden. Schlechte Erfahrung häuft sich an schlechte Erfahrung. Die Ersatzteile für den Motor lassen auf sich warten, in der Marina stinkt es, dank der Abwässer der Favelas rundherum, keiner hilft und und und…

Ich denke, mir ginge es erst mal genauso, wäre ich an ihrer Stelle!

Um sie aufzumuntern fahren wir nach Barra an den Strand. Die Uferstraße ist mittlerweile Fußgängerzone, auf ihr und am Strand tummeln sich die Menschen. Ganze Familien sind unterwegs, von der Oma im Rollstuhl, bis zu den ganz Kleinen am Arm der Mutter. Alle sind sie schick, egal ob im knappen Bikini oder im Sommerkleid. Ein Riesenrad steht am Strand, auch ein Surf-Simulator, alles zum Vergnügen der Kinder.

Strand in Barra

Strand in Barra

Am Strand kosten die Stühle und der Sonnenschirm je fünf oder zehn Real. Nun ja, der Platz ist knapp, und hier tummeln sich nur die, die das aus der Portokasse bezahlen. Ist halt jetzt so, für die anderen Strände außerhalb der Stadt, wo Sitzplatz und Schatten kostenlos sind, war nicht mehr genug Zeit. Das Bier ist dafür recht preiswert.

Fliegende Händler bieten an, was das Herz begehrt: Sonnenbrillen, Pareos und Strandblusen, Ohrringe und Schmuck, Chips, Austern, Nüsse, gekochte Wachteleier und vor allem Queijo Assado, gegrillten Käse. Die Jungs – oder Mädels, haben ihr Grillöfchen am Henkel, meist eine alte Dose oder einen alten Topf, in dem die Holzkohle schwelt. Ein paar Mal geschwenkt, und die Glut ist wieder heiß. Und der Käse lecker!

Ja, es ist vollkommen in Ordnung hier, in einer Strandbar zu sitzen und die Speisen der fliegenden Händler zu verzehren!

Mit der Flut kommen neue Freuden: Ein paar Laser und Hobby-Cats segeln um die Ecke, sie warten auf den Startschuss für eine Regatta. Ein, zwei Jungs versuchen sich mit Wellenreiten, die Mädels zieht es mehr aufs Bodyboard. Junge Burschen werfen sich in wagemutigen Sprüngen über die Wellen, die Mädchen sind etwas zaghafter. Spaß haben alle!

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Der Strand leert sich, zurück bleibt ein Sandkünstler:

Sandkunst

Sandkunst

Anja wirkt wieder zuversichtlicher. Zwar habe ich sie vor den Kopf gestoßen, indem ich sie unsensibel daran erinnerte, dass es an ihrem Standpunkt liegt, wie sie die Welt erfährt, doch Thomas schafft es wohl, sie zu beruhigen. So kommt ein Bier zum anderen, in einer Bar mit Musik. Anja und ich schmücken uns noch mit fremden Federn, bevor wir gerade vor Einbruch der Dunkelheit einen Bus ins Pelourinho erwischen. Der Sonnenuntergang ist ein Traum! Den Abend beschließen wir bei uns am Schiff…

Fremde Federn

Fremde Federn

Übermorgen wollen wir sie in der Bucht treffen, gemeinsam mit Tom.

Sonnenuntergang vom Lacerda aus

Sonnenuntergang vom Lacerda aus