Antigua – Azoren: Aufbruch und Abbruch

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Das Wetter ist super: rund 17 Knoten Wind, hie und da rauf bis 20, manchmal runter bis 12 aus östlicher bis südöstlicher Richtung. Das Meer ist recht ruhig. Anfangs, im Flach zwischen Antigua und Barbuda, ist die See noch etwas kabbelig, dann werden die Wellen harmonischer. Hoch am Wind geht es im ersten Reff gut voran, erstes Etmal knapp 140 sm. Ich bin guter Stimmung: Es geht nach Hause!

Am Montag, als Sebastian Wache von Wetterwelt seine erste Einschätzung sandte, also den Mittwoch als möglichen Starttermin vorschlug, flatterten erst mal die Schmetterlinge im Bauch. Sicher, wir waren in Ausgangsposition, aber bereit? Dass die Überfahrt so früh gehen könnte, damit hatten wir nicht gerechnet. Wir wollten ja auch mit GALATEA fahren, doch denen war das noch zu kalt. Tagsüber sickerte der Gedanke dann ein. Ich würde meine Engel viel früher als erwartet sehen, ja eine Tochter wollte uns sogar sofort besuchen kommen… Also los!

Die restlichen Vorbereitungen, Tanken, Obst und Gemüse am Markt kaufen, letzte Mails schreiben, Artikel posten, Mutter und Töchter anrufen, waren schnell erledigt! Donnerstagmorgen kam die detaillierte Routenplanung mit Wetterbericht, um 9:30 Ortszeit starteten wir den Motor.

Ab nach Hause!

Abschiedskomitee

Gegen Seekrankheit wollte ich diesmal die Methode Knopf-im-Ohr, also Ohropax in einem Ohr, anwenden. Tatsächlich war es wesentlich weniger schlimm und nach etwa 26 Stunden vorbei. Yemanja tanzte über die Wellen, allerdings tanzt sie am Wind doch recht wild: Schlafen, Kochen, Toilette – alles ziemlich unkomfortabel. Die Sonne brennt – Vergnügen geht anders. Aber gut, wir waren unterwegs, kamen gut an Barbuda vorbei und flott weiter.

Bei meinen Rundumblicken waren außer Wellen, Sargassum und Himmel nicht viel zu sehen. Also in echt nicht. Vor meinem inneren Auge sah ich 1001 Dinge die kaputt oder schief gehen konnten.

Das 1002. brach.

Plötzlich, nach knapp 30 Stunden Fahrt wurde Tomys Blick starr. Er fixierte den Windgenerator. Kroch nach hinten.
Ich hatte immer noch nichts gemerkt.
Im Stress antwortet er nicht.
Aber schließlich machte er mich doch darauf aufmerksam: Die Schraube, die den Mast, an dem Windgenerator und Sonnenkollektor befestigt sind, in der Halterung fixierte, fehlte. Mit jedem Schlag in die – relativ kleine – Welle  hüpfte der Mast fünf, sechs Zentimeter hoch.

Fehlte noch einer und er wäre runtergekommen.

Eine neue Schraube hineindrehen war unmöglich: Das Gewinde war ausgeleiert. Wir fixierten den Mast mit einem Gurtband und starrten ihn etwa eine weitere halbe Stunde an. Was tun?

„Plan A:  Du reparierst es irgendwie. Plan B: Wir drehen um.“

„Steffi, ich kann es nicht reparieren. Das Gewinde ist hin. Und der Gurt hält nicht in einer größeren Welle.“

„Dann wenden wir JETZT.“

Nach 160 Seemeilen.

Sicherheitsgurt

Wir steuerten 27 Stunden per Hand zurück. Unsere so zuverlässige Sissi, die Windsteueranlage, wollte nicht. (Dass sie aufgibt, wegen den Algen, war Ding 555 auf meiner Liste. Im Hafen stellte sich heraus, dass die neue Schubstange leicht verbogen war, Tomy hatte sie vermutlich schlecht montiert.)

Etwa drei Wochen nach Hause zu segeln, ist frustrierend genug. 27 Stunden dahin zu segeln, wo man nicht hin will, ist verheerend. Tomy ging das alles sehr auf dem Nerv: Das Geschaukle, die Müdigkeit, die Anspannung, kein Appetit, keine Energie, um die Anstrengung zu unternehmen und Wasser zu holen und zu trinken… Es ist schwer in Worte zu fassen – Vergnügen geht anders.

„Ich fahr nicht zu den Azoren!“ sagte Tomy trotzig.

Bürschchen, dich nehme ich beim Wort!

Abends, zurück am Zollsteg in Jolly Harbour, fassten wir unsere Möglichkeiten zusammen:

  1. Schiff über die Hurrikanzeit hier lassen, beten, dass alles gut geht und nächstes Jahr in Ruhe eine Lösung suchen.
  2. Schiffstransport
  3. Einen Mitsegler für Tomy finden
  4. Skipper mit Crew finden

C und D schieden für Tomy aus, blieben A und B.

Morgens, nach einer Nacht drüber schlafen, beim Frühstück, erwägte ich kurz, doch nach der Reparatur selbst zu fahren.
Und – schwupps – schnappte ich nach Luft! Soso, SO fühlt sich also eine beginnende Panikattacke an! Interessante Erfahrung, gepaart mit einem dicken Knoten im Bauch, der Angst, dass keine dieser Möglichkeiten mehr ginge. Ist ja schon spät in der Saison.

Als die Dame im Marinabüro bestätigte, dass noch sicherer Platz an Land frei ist, begann er sich aufzulösen. Wenige Stunden später war ein Schiffstransport gefunden, sogar von Antigua aus. Und – um alle Möglichkeiten auszuloten – die Adresse eines zuverlässigen Skippers hatten wir auch.

Mittlerweile ist der Transport gebucht: Zwischen 13. und 15. Mai wird YEMANJA hier in Antigua verladen und dann geht es ab nach Genua.

Habt ihr das Grollen gehört? Den Stein, der mir aus der Magengrube plumpste, die Felsbrocken, die unseren Kindern vom Herzen fielen, der Berg, der von meiner Mutter Brust rückte und die vielen Kieselsteinchen, die von unseren Freunden rollen?

Sie waren alle krank vor Sorge um uns!

Wir fliegen dann nach Hause.

Jetzt ist eine durchgeghende Schraube drinnen.

4 Kommentare

  1. Und wenn ihr wieder in der Ostsee seid, dann meldet euch bei uns. Wir freuen uns auf ein Glas Wein und einen netten Abend im Cockpit.

  2. Hallo Steffi,
    ich kann Euch sehr gut verstehen und nachempfinden, was solch einer Entscheidung vorausgeht. Das Mittelmeer ist auch schön und man ist in der Regel ganz schnell zu Hause. Ganz liebe Grüße Eva von Eira

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