Ein Vielfliegerhund erzählt

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Dass ich mal ein Vielfliegerhund werden würde, ward mir wahrlich nicht in die Wiege gelegt!

Ich erblickte im brasilianischen Winter das Licht der Welt, wo und wann genau weiß ich nicht. Es muss irgendwo in der Nähe von Salvador gewesen sein, im Juli vielleicht. Meine Mutter habe ich kaum gekannt, denn in Brasilien werden die jungen Welpen viel zu früh von der Mutter getrennt. Auch wurde mir der Schwanz coupiert. Ich muss einem Menschen gefallen haben, denn er nahm mich mit in eine große Villa. Dort war ich viel alleine, niemand hatte Zeit um mit mir spielen und so saß ich oft vor dem Haus und wartete auf Gesellschaft.

Jeden Morgen kam ein junger Mann vorbeigejoggt und spielte ein wenig mit mir. Er roch gut und lachte, wenn ich ihn in die Fersen kniff. Eines Tages lief ich sehr weit hinter ihm her. Wir kamen an einem Wald aus dem viele neue Gerüche in meine Nase schwebten. Es duftete so verlockend nach Ratte, Wasserschwein und Affe, einfach nach Abenteuer! Also lief ich hinein…

Ich war ja noch eine ganz junge, neugierige Hündin!

Danach fand ich nicht mehr nach Hause. Bald knurrte mein Bauch, meine Ohren juckten, die Haut an meinen Flanken war wund und Zecken zwickten mich überall. Ich war so einsam und hatte so große Angst!

Eines Morgens fand ich wieder zur Straße und roch – den Jogger!

Ich folgte seinem Duft und kam zu einem großen Haus mit Garten. Der Gärtner wollte mich verjagen, doch der Jogger holte mich ins Haus. Er gab mir leckeres Katzenfutter und frisches Wasser. Ein paar Tage später nahm er mich mit zum Tierarzt. Der entfernte meine Zecken, säuberte meine Ohren, impfte mich gegen Tollwut und behandelte meine Haut.

Und ich bekam ein Halsband!
Von nun an gehörte ich zu einem richtigen Rudel.

Der Jogger, von jetzt an mein Chef, und alle anderen Rudelmitglieder, spielten mit mir, führten mich aus, erzogen mich und ich sie, gaben mir zu fressen, kuschelten mit mir auf dem Sofa. Wenn sie in den Urlaub fuhren, musste ich meistens zu Hause bleiben, denn in Brasilien dürfen Hunde nicht überall hin mit. Aber einmal flog ich sogar mit ihnen nach Morro de Sao Paulo, in einem ganz kleinen Flugzeug. Die Chefin saß vorne neben dem Piloten, in der zweiten Reihe eine Brasilianerin, ihr Sohn und der Chef und ganz hinten die Mädels und ich auf deren Schoß. So konnte ich meine Heimat mal von oben sehen. Etwas mulmig war mir dann aber doch, als eine meiner Junior-Chefinnen eine asphaltierte Landepiste suchte: Da unten war nur Gras! Aber auch darauf kann ein Flugzeug sicher landen, das weiß ich jetzt.

Ein paar Monate später nahmen sie mich mit nach Deutschland!
Fast 24 Stunden dauerte der Flug über den großen Teich. Es war gar nicht schön! Ich hatte solche Angst um den Chef, seine Töchter und die Chefin! Was wenn ich sie nie wieder sähe?

In Deutschland ging es mir noch viel besser als in Brasilien. Jeden Tag konnte ich übers Feld laufen, Hasen jagen, mit meinen Freunden spielen und meine Schnüffelnase in allerlei Interessante Ecken stecken. Und ich durfte überall hin mit! Ein, zwei Jahre später zogen der Chef und die Chefin nach St. Petersburg. Von da an war ich ein Vielfliegerhund.

Frauchen hatte viel Heimweh, ich auch, und so flogen wir beide etwa dreimal im Jahr nach Hause, immer mit der russischen Fluglinie Rossyia, die damals noch Pulkovo hieß.
Was soll ich euch sagen – ich hasste es!
Die Chefin alleinlassen! Sie mochte gar nicht gerne alleine fliegen, so brachte sie mich immer erst kurz vor Abflug zum Schalter. Und wie sie sich aufführte: Da Pfötchen geben, dort streicheln, vor lauter Angst besonders ruhig redend: Kein Wunder, dass ich fiepte und nervös wurde! Wie sollte sie das denn nur aushalten, so ganz allein unter Fremden, ohne mich als Beschützerin und auf dem oft eisigen Flugfeld aufs Einsteigen wartend?

Einmal war ich ganz besonders nervös: Die Chefin und alle anderen Passagiere saßen schon in Flugzeug, nur ich wurde nicht geholt. Meine arme Chefin! Jetzt waren wir noch länger getrennt! Bestimmt fragte sie sich ebenso wie ich, warum es nicht losging! Endlich kamen zwei Träger, aber sie brachten mich nicht in mein klimatisiertes Tierabteil im Bauch des Flugzeuges, nein, sie trugen mich die Treppe hinauf in den Passagierraum! Ihr hättet Frauchens Gesicht sehen sollen, als sie ihren Namen hörte, aufblickte und mich in meinem Käfig sah!
Sie setzten mich in meiner Transportbox in der letzten Reihe ab, die Chefin setzte sich neben mich. Sie hielt den ganzen Flug meine Pfote, natürlich durch die Gitterstäbe. Übrigens noch verblüffter schaute sie drein, als die Stewardess ihr nach der Landung bedeutete, sie solle mit ihren Handgepäck und mit mir in meinem großen Käfig gefälligst alleine aussteigen…
Da kam aber auch schon jemand vom Bodenpersonal, um ihr zu helfen. Sie erklärten uns jetzt auch, dass die Klimaanlage im Tierabteil kaputt wäre und ich deshalb im Passagierraum fliegen durfte.

Tessa im Passagierraum des Flugzeuges

Fünf Jahre lang flogen wir so hin und her, meistens ohne Aufregung. Jetzt bin ich eine alte Hündin und liege im Winter am liebsten auf dem Sofa und im Sommer in der Sonne im Garten. Chef und Chefin reisen immer noch viel, aber ohne mich. Ich bleibe dann bei der Junior-Chefin, die sich sehr lieb um mich kümmert. Sie muss aber auch viel arbeiten, so bin ich auch oft bei ihren Schwestern. Am schönsten ist es, wenn die Chefs heim kommen und mir von ihren Flugabenteuern erzählen.

„Tessa,“ sagt Frauchen dann, „stell dir vor, als wir unlängst in Sao Paulo am Flughafen auf unseren Anschlussflug warteten, saß neben uns ein junger Mann mit seinem schlafenden Sohn auf dem Schoß. Hingebungsvoll beugte er sich über ihn, während er zärtlich und vorsichtig – er wollte ihn ja nicht wecken – Läuse in seinem Haar suchte. Jede einzelne zerdrückte er sorgfältig mit einem leisen ‚Knack‘ zwischen seinen Fingernägeln.“

Oder sie erzählt mir, dass in Südamerika niemand Angst vor einem Terroranschlag hat. Zwar seien die Sicherheitskontrollen für die Flüge nach Europa oder USA gut, aber innerhalb der Länder doch manchmal verblüffend: So legte jemand einen Steinschneider auf das Band der Sicherheitskontrolle. Überflüssig zu sagen, dass etwas, das Stein schneidet auch weicheres Material durchtrennt.

In Düsseldorf dagegen dürfen Kinder nicht mal ihre bunten Wasserpistolen mit an Bord nehmen!

Sachen gibt es, tststs!

Ich genieße jedenfalls, dass meine beiden Senior-Chefs gerade wieder bei mir sind. Ich vermisse sie sehr. Ich würde ja gerne mit ihnen reisen, doch an das Geschaukle und die Schräglage beim Segeln kann ich mich einfach nicht gewöhnen! Und Fliegen ist auch nichts mehr für eine 16 Jahre alte brasilianische Terrier-Dame, selbst wenn sie mal ein Vielfliegerhund war!

Dieser Artikel entstand als Beitrag zur Blogparade „Fliegerei“ von Jenny/Sandra und nimmt auch an der Blogparade von ellahappilicious über skurrile Flugerlebnisse teil.

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