Doppelleben

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Ich lebe zwei Leben in einem.

In dem einen Leben lebe ich auf einem Segelschiff. Mein Heim schaukelt und wackelt. Meine Matratze ist aus Schaumstoff und geteilt, ich liege meist in der Besucherritze. Manchmal wiegt mich das Meer sanft in den Schlaf, manchmal wirft es mich rücksichtslos von einer Seite zur anderen, an Schlaf ist so nicht zu denken. Dann wieder platscht das Wasser laut gegen die Schiffswand. Oft ist es jetzt so warm des Nachts, dass ich keine Decke brauche und jede Berührung unangenehm ist.

In dem anderen Leben stehe ich mit beiden Beinen fest auf der Erde, der Wind wiegt die Äste, Gräser und Blumen in meinem Garten, aber nicht mich. Ich schlafe in einem großen, festen und doch kuschelig weichen Bett. Es ist still draußen, der Hund schnarcht im Körbchen neben mir. Jetzt, im Frühling singen die Vögel in dem Bäumen und von den Dächern vor meinem Fenster. Kühl ist es oft in der Nacht, kühl ist es oft auch tagsüber. Ich mag es, von Tomy gewärmt zu werden.

Iris und Mohn

Iris und Mohn

In dem einen Leben esse ich reife Mangos, Jaca und Ananas zum Frühstück, trinke frischen Orangensaft und Tee mit Limetten. Wenn möglich, holt Tomy frische Brötchen, nun ja, sie heißen halt so. Ich genieße landestypische Spezialitäten, Tapas in Spanien; Portwein in Portugal; Moqueca, Picanha und Filet, Caldo de Sururu und Lambretas in Brasilien.

In dem anderen Leben stürze ich mich auf Erdbeeren mit Schlagobers, backe jeden dritten Tag Kuchen, mal mit Rhabarar, mal mit Ribisln/Johannisbeeren, mal mit Heidelbeeren. Mein Frühstücksbrötchen ist unvergleichlich lecker deutsch, mit altem Holländer Käse drauf. Auch der Spargel schmeckt. Wenn die Sonne scheint, grillen wir sonntags mit den Kindern, trinken Bier, nicht eisig kalt wie in Brasilien, nicht warm wie auf dem Wasser und auch keinen Caipirinha.

Erdbeeren aus meinem Garten, noch ohne Schlag

Erdbeeren aus meinem Garten, noch ohne Schlag

Abenteuer erlebe ich täglich in meinem einen Leben: Ich segele über den Atlantik, treffe auf Delfine, meistere neue Situationen, wachse flexibel über mich hinaus. Ich löse Probleme in fremden Sprachen, mit einem Lächeln oder einer Geste. Manchmal bleibt ein großes gerunzeltes Fragezeichen in meinem Gesicht stehen. Ich erkunde neue Wege und öffne mich täglich dem Unbekannten: Menschen, Orten, Dingen. In diesem Leben dort tue ich fast jeden Tag etwas, das ich noch nie zuvor getan habe. Ich erfinde mich täglich neu.

Vertraut sind mir die Menschen, Situationen und Dinge in meinem anderen Leben. Ich kenne jeden Stein auf meinen Wegen, den Duft der Blumen und die Farbe der Blüten. Die Jahreszeiten bestimmen meinen Rhythmus, jahrein, jahraus. Was ich tue, kann ich im Schlaf: Das Einfädeln meiner Nähmaschine, das Zuschneiden und Zusammennähen der Flicken eines neuen Quilts. Die Farben der Stoffe, die der Blüten in meinen Garten fügen sich unter meinen Händen zu einer bunten Harmonie zusammen. Meine Hände schneiden den Stoff, meine Finger zupfen das Unkraut und stützen die Pflanzen als hätten sie nie ein Steuerrad bei 40 Knoten Wind umklammert.

Quilt für Carinas Baby

Quilt für Carinas Baby

In jenem anderen Leben kenne ich die Menschen, auf die ich treffe seit vielen, vielen Jahren. Ich kenne ihre Freuden und ihre Sorgen und Nöte, nicht alle, aber doch manche. Es ist schön, vertraut mit Menschen zu sein, geborgen in einer Gemeinschaft, in der ich mich gelegentlich wie das Bild verhalte, dem ich glaube entsprechen zu müssen. Sicher, manchmal treffe ich auch hier auf Unbekannte – seltsam, hier, wo alles so vertraut und sicher ist, schütze ich mich mit einer gewissen Distanz.

In dem Leben unterwegs liebe ich die unglaubliche Offenheit, die Gemeinschaft der Segler, ein Vertrauen, das manchmal bis auf die Knochen geht und dennoch von Abschied und Entfernung geprägt ist. In diesem Leben vermisse ich nichts mehr als meine Kinder.

In dem anderen Leben, in jenem in dem ich zurzeit nur Gast bin, obwohl in ihm meine Wurzeln fest verankert sind, erfreue ich mich am Lachen meiner Töchter, ihren Erzählungen und ihres Seins. Ich liebe es, meinem großen Engelskind beim Spielen zuzusehen und seinem endlosen Geplauder zu lauschen. Ich mache mir mein kleines Engelchen vertraut, indem ich seinen Schlaf behüte.

Was mich am meisten verblüfft, ist, wie selbstverständlich ich von dem einen Leben dort in das andere Leben hier wechsle, so als ob das eine in der Ferne nie existiert hätte: Ich jäte Unkraut, nähe einen Quilt, hüte meine Enkerln, quatsche mit den Nachbarn, treffe mich mit Freundinnen, telefoniere mit meiner Mutter und benehme mich so wie…

Immer schon.

Und nach ein paar Stunden Flug lege ich den Schalter wieder um…
Und bin frei mitten im Abenteuer –

wie immer schon.

Beide Leben sehnen sich nacheinander.
Beide Leben sind voller Schönheit, Begeisterung und Liebe!
Wie wundervoll LEBEN doch ist!

Wie geht es dir während des Heimurlaubes? Machst du ähnliche Erfahrungen? Bitte erzähle davon in einem Kommentar!

Tanja von reiseaufnahmen.de fragt in ihrer Blogparade „9 to 5 leben oder den Job kündigen und ab in die Welt“ unter Anderem danach, wieviel Heimat und Sesshaftigkeit ich brauche um glücklich zu sein – ich denke dieser Beitag gibt eine Antwort. Die Entscheidung zwischen Arbeiten in einem Job und Reisen mussten wir ja nie wirklich fällen – früher dank beruflichen Auslandsaufenthalten, heute dank Altersteilzeit.

Dieser Beitrag passt auch zu Arianes Frage nach dem Heimkommen, auch wenn wir nur zeitweise zu Hause sind. Auf Linas Blog gibt es Tipps, wie das Heimkommen gelingen kann – zmindest wenn die Reise kurz war. Auch Janine schreibt sehr schön vom Heimkommen, Ankommen und der Sehnsucht.

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