Aveiro
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Der Wind pfeift durch Wanten und zerbrochene Fensterscheiben. Staub wirbelt durch die warme Luft, legt sich auf graubraune, vertrocknete Grasbüschel. Ein paar heruntergekommene Schiffe stehen herum, ein verrosteter Wasserturm, eine verfallene, mit Graffiti bemalte ehemalige Fischhalle. Zwei Menschen stehen sich einsam gegenüber, gehen langsam aufeinander zu, bleiben stehen – wer zückt zuerst die Waffe?

Fotoapparat oder Handy? Das Internet, das zu dem Anleger vor Aveiro gehört, funktioniert perfekt.

High Noon in Aveiro am Anleger A Vela

High Noon in Aveiro am Anleger A Vela

Es war gar nicht so einfach hierher zu kommen. Gestern haben wir verschlafen. Ich hab‘ übersehen, dass der Wecker auf „wochentags“ stand und gestern war Sonntag. Dafür weckte uns die Heulboje – ab 6 Uhr morgens verkündete sie Nebel. Ein Blick aus dem Fenster genügte – diesmal zu recht. Wir kuschelten uns aneinander in die warme Decke und beschlossen auszuschlafen. Wer will – und kann -schon bei Nebel segeln?

Heulboje

Heulboje

Heute früh standen wir rechtzeitig auf, waren mit den ersten Sonnenstrahlen draußen am Meer. Wieder müssen wir die Tiden und Wellen beachten, Portugals Häfen können nicht jederzeit angelaufen werden. Der Eingang in die Ria de Aveiro wird am besten um den Tidenhöchststand angefahren und bei möglichst wenig Welle.
Es ist gerade genug Wind, um die Oberfläche des Wassers leicht zu kräuseln. Hinter uns versinkt Povóa de Varzim wie in einem Traum sonnenerleuchtet im Dunst, vor uns ist der Slalomkurs zwischen den Fischerfähnchen eng gesteckt. Langweilig wird uns heute nicht. In der Ferne übt sich eine Delphinschule im Hochsprung. Auf Kanal 16 ruft jemand Ganescha – hoppla, den kennen wir doch! Kurze Zeit später funken auch wir mit Martin, der unterwegs nach Porto ist. Mal sehen, wo er uns einholt!

Die Küste neben uns ist flach wie das Meer, selbst die Fischerfähnchen scheinen höher zu sein. Die Ria de Aveiro, die sich dahinter erstreckt, ist ein riesiges, verästeltes Feuchtgebiet. Wunderschön blau und grün und friedlich lag sie unter uns, als wir von Porto nach Lissabon und später Richtung Heimat flogen.
Auch heute ist die Einfahrt ruhig und doch brodelt das Wasser – der mündende Fluss gegen die auflaufende Tide – fröhlich vor sich hin. Wir sind drin – ich hoffe das Wasser bleibt fröhlich, damit wir auch wieder raus kommen!

Brodelndes Wasser in der Einfahrt

Brodelndes Wasser in der Einfahrt

Mit knapp 9 Knoten bei 1800 Umdrehungen, so stark ist die Strömung, geht es vorbei am lebhaften Strand, an Hafeneinfahrten und der Ankerbucht São Jacinto, an Anglern und Anlegern für Frachtschiffe, an abgewrackten Viermastern und der Fischereiflotte, vorbei an aufgelassenen Salzfeldern, den Canal Principal do Navigação hinein bis zum gepflegten Anleger der Associação Aveirense de Vela de Cruzeiro vor Aveiro mit den Geister-Gebäuden dahinter.

Strand in der Einfahrt

Strand in der Einfahrt

Fragt sich nur, warum wir – äh, ich – unbedingt nach Aveiro wollten.
Die Neugier, die Neugier!
Aveiro gilt als das Venedig Portugals, das muss ich doch sehen!

Aveiro war einst eine blühende Fischerstadt, bis in einem Sturm im Jahre 1575 die Einfahrt versandete. Erst mehr als 200 Jahre später gelang der neuerliche Durchbruch. Die Stadt lebte von Salz und Algen, die als Dünger verwendet wurden, heute hat beides keine Bedeutung mehr. Industrie und Tourismus haben übernommen.

Die alten Kähne, in denen angeblich einst Muscheln eingeholt wurden und heute Touristen durch die drei Kanäle gefahren werden, ähneln Gondeln. Sie sind liebevoll und individuell, oft mit viel anzüglichem Humor bemalt. Es gibt wunderschöne, gut erhaltene Häuser – und gleich daneben heruntergekommene Wohnblocks, dann wieder liebevoll verzierte alte Hauser, von Unkraut überwuchert. Auf einer Straßenseite verführt ein exquisites Möbelhaus zum Kauf, gegenüber bröckeln die Azujelos von den Wänden, die Türen hängen schief in den Angeln. In Aveiro steht das schickste, modernste und hübscheste Einkaufzentrum, das wir bisher in Portugal gesehen haben. Direkt dahinter ist der Friedhof, mit alten Familiengruften, aber auch mit neuen. In den Gruften stehen die Särge in Regalen gestapelt, Blumen und Kerzen davor. Die modernen ähneln marmornen Wartehäuschen an Bushaltestellen – oder auch den Geschäften im Shopping Center davor…
Was trägt frau hier wohl zu Grabe?

Was jetzt Venedig und Aveiro außer ein paar gondelartigen Booten gemeinsam haben? Nicht viel…
Und doch möcht‘ ich den Besuch hier nicht missen!

 

Aveiro is called Venico of Portugal, however they have not much in common, except the gondoliers. It still is quite nice and adventurous to get there.

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