Porto – Kronjuwel oder Favela Europas?

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Porto hinterlässt in uns eine einzige große Frage: Wird das Geld der EU reichen, um dieses Juwel zum Strahlen zu bringen?

Porto schlägt die Stunde

Porto schlägt die Stunde

Der freundliche Verkäufer im Stoffgroßhandel, in dem ich einen Meter Patchworkstoff erstehe (mein erstes gekauftes Souvenir!), nennt die Deutschen in perfektem Englisch „unsere Freunde“. Denn sie zahlen…
Und: „Unser Präsident ist ein Idiot, er denkt er kann einfach Geld ausgeben, machen was er will. Er verlässt sich darauf, dass andere das Geld geben. Aber irgendwann ist dann auch eure Kasse leer!“

Die Metro, die von Povoa de Varzim nach Porto führt, so wie das gesamte Metro Netz der Stadt, ist so gut wie brandneu: Mit Hilfe von EU Geldern im 21. Jahrhundert erbaut, sind die Waggons, die Schienen und alle Haltestellen neu, das Ticketsystem auf dem Stand der Technik. An den wichtigsten Haltestellen steht ein „Schaffner“ der den Touristen in gutem Englisch hilft, die Tickets zu kaufen – obwohl weltweit kaum ein System so einfach zu bedienen ist. Vor allem die Sauberkeit der Strecke beeindruckt uns – im ersten Teil führt sie über Gras, der so gepflegt wie Teppichboden wirkt, ein wahrer Golfrasen.

Wir haben keinen Plan von Porto, steigen also einfach an der zweiten Haltestelle aus, die die  freundliche Dame in der Marina uns genannt hat. Serendipity – wir stehen staunend vor einer vollkommen mit blauen Azujelos verzierten Kirche.

Neben der Metrostation

Neben der Metrostation

Wir folgen der Shoppingmeile, vorbei an Konsumtempeln, einmal um die Ecke –  und wieder krieg ich meinen Mund nicht zu: Das stehen die schönsten Häuser, halbe Paläste, im Haus daneben fehlen die Fensterscheiben. Die meisten Häuser sind alt, wären hübsch, wenn, ja wenn sie nicht schon fast vollständig verfallen wären. Unten sind oft noch Geschäfte, oben drüber  – es ist unbeschreiblich! In manchen dieser Bruchbuden, mit Wellblech ausgebessert, leben tatsächlich Menschen. Solche Zustände habe ich in den Favelas Brasiliens nur selten gesehen! Viele Eingänge sind vollständig vernagelt, die Türen schief und abgeblättert. Der Blick fällt auf die Kathedrale, daneben das gleiche Bild – heruntergekommene Häuser, Wellblech, rostige Balkongitter, abblätternde Farbe, zerstörte Azujelos, abbröckelnder Putz, eines neben dem anderen. Die einstige Schönheit lässt sich gerade noch ahnen…

Und doch ist Porto schlicht und einfach ein Juwel: Es ist Sonntag, Waschtag, vielleicht weil es gestern geregnet hat. Überall hängt Wäsche, vor den Häusern und auf Balkonen, sie bringt Leben und Farbe, fast Hoffnung, in die alten Gemäuer. Üppiger Pflanzenschmuck hilft, über den Verfall hinwegzusehen und trägt oft genug doch dazu bei. Das Viertel um die Kathedrale ist recht gut gepflegt, es wird vorsichtig renoviert, ein staatliches Programm oder ein Fonds hilft. Die Einwohner bemühen sich, doch wie soll frau Wasser schöpfen, mit einem löchrigen Fass?

Gegenüber, in Vila Gaia de Novo, lagern die Portweinfässer zu hunderten. Sie sind alle unterschiedlich groß, denn sie werden immer noch von Hand hergestellt. Keines ist wie das andere.
Wir kosten bei Taylor, einer Portweinkellerei, die seit über 300 Jahren in Familienbesitz ist. Wieder treffen wir auf unglaublich nette, gut deutsch, englisch und französisch, sprechende junge Menschen. Sie führen uns durch den Keller, wir kosten Portwein. Es liegt nicht daran, dass ich darüber nicht mehr erzählen kann – die Herstellung der vielen verschiedenen Sorten ist einfach kompliziert: Manche reifen im Fass, andere in der Flasche, der eine ist weiß und trocken, andere rot, der nächste „tawny“ – ich weiß nicht mehr warum! Dann gibt es junge und alte und preiswerte und teure: über 3000 Euro kostet eine Flasche des teuersten, 150 Jahre alten davon gibt es aber auch nur rund 1000 Stück. In Porto gelangen die Portweine nur zur Reife, wachsen, gelesen, mit den Füßen zu Maische getreten und dann zu Portwein gekellert werden sie alle im Douro Tal, wo die Reben teilweise in einzelnen Reihen auf Terrassen wachsen. Es muss wunderschön dort sein!

Portweinfässer - handgemacht

Portweinfässer – handgemacht

Durch diese kleine Öffnung muss jemand in das Fass zum Reinigen kriechen

Durch diese kleine Öffnung muss jemand in das Fass zum Reinigen kriechen

An diesem Nachmittag ist auch ein Trommelwettbewerb.  Ein gutes Dutzend Trommelgruppen zieht entlang des Ufers, vorne weg einer mit einem überlebensgroßem Kopf in der Hand, einer mit dem Dirigierstock und daneben einer mit einer Heiligenfigur. Den Hintergrund der Umzüge finden wir nicht heraus, wir genießen einfach mit allen Sinnen eine der schönsten Hafenstädte der Welt: O Porto, der Hafen – Oh! Porto!

Blick auf Porto

Blick auf Porto

Porto is one of the most beautiful cities, a jewel,  however it is in a very bad state – most people in the Brazilian favelas have better homes!

 

Mit dieser Liebeserklärung an Porto nimmt Yemanja an der Blogparade „Hafenstädte“ von Lynn und Lieschenradieschen teil. Schaut vorbei, es gibt gute Beiträge dort!

  • Monika und Petar von Travelworldonline mit
    „Wenn sich Segelschiffe aus aller Welt treffen – beim Tall Ships Festival in Halifax, Nova Scotia“
  • Alicja von Wiktoria’s Life mit
    „Blogparade Hafenstädte: Trójmiasto (Gdańsk, Sopot, Gdynia) in Polen“
  • Candy von Bin ich schon da? mit
    „Rijeka – Kroatiens Hamburg?“
  • Jessica von Yummytravel mit
    „Port Ghalib – ein Geheimtipp in Ägypten“
  • Sebastian von Segeln ist Leben mit
    „Harlingen“
  • Cornelia von Die See kocht mit
    ÆRØ – Zurecht einer der „1000 Places to see before you die“
  • Arne von Akerlin mit Bilder från Stockholm

3 Kommentare

  1. Ach Porto! Da war ich vor zwei Wochen noch. Mich hat diese Stadt auch sehr verwirrt. Die Krise hat viele Spuren hinterlassen und doch hat auch mich Porto in seinen Bann gezogen. Vielen Dank für den schönen Artikel!
    Lieber Grüsse,
    Ellen

  2. Pingback: Tolle Hafenstädte rund um die Welt - Lieschenradieschen Reist

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