Vel do Paul

13. Februar 2015
von Steffi
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Kostbares Nass

Es regnet!

Der Regen ist den Menschen willkommen, blieb er doch 2014 ganz aus. An Wandern ist nicht zu denken, wir bitten Jorge, uns nach O Curral zu fahren, damit wir wenigstens etwas sehen. Im Grunde ist mir das ganz recht, denn trotz meiner nächtlichen geistigen Lichtduschen, um wieder gesund zu werden, bin ich etwas schlapp.

Wenn es regnet, kommen die Berge in Bewegung: Immer wieder muss Jorge Steinen, ja ganzen Felsen ausweichen, die nachts auf die Straße fielen. Ich rede mir halt ein, dass die nur nachts fallen – Autofahren ist um einiges gefährlicher als Segeln!

Tree growing in the street

Tree growing in the street

Die Küstenstraße, kunstvoll gepflastert, windet sich um die Berge, immer wieder gehen rechts in den Fels gehauene Trampelpfade hinauf in die Berge. Da oben wohnen Menschen, gibt es Dörfer, erzählt Jorge, doch mit dem Auto sind sie nicht erreichbar, nur diese Wege führen dort hinauf.

Vila das Pombas liegt am Ende des Paúl-Tales, in einer schönen weiten Bucht. Karibisch soll es hier sein – wenn es nicht regnet. Von hier führt der Weg hinauf nach Cova de Paúl. Trotz Wolken, Nebel und Regen sind die Berge wieder beeindruckend, schroffe Spitzen, senkrechte Wände, hoch oben thronen sattgrüne Agaven, alles, was halbwegs flach ist, ist mit Zuckerrohr bewachsen – hier wird daraus noch Sprit für durstige Kehlen destilliert.

Was soll ich sagen? Ich liebe diese tropischen Berge! Sie berühren etwas in mir, es ist als gehörte ich in diese Landschaft.

Jorge lässt uns in O Curral austeigen, wir bitten ihn unten auf uns zu warten. Wir wandern die Straße hinunter, vorbei an üppiger tropischer Vegetation: Bananen, Mangos, Papaya, Kokospalmen und Brotfruchtbäume säumen das Ufer des kleinen Flusses. Er ist kunstvoll durch kleine Steindämme reguliert: Das Wasser fließt in der Hauptrinne in der Mitte schnell zu Tal, von dort wird es immer wieder in kleine Becken voller mir unbekannter Nutzpflanzen abgeleitet. Immer wieder stehen kleine, weißgetünchte und mit Zuckerrohrstroh gedeckte Hütten an seinen Ufern, ja selbst mitten drin, wieder umsichtig in den Lauf des Flusses gebaut. Darin leben tatsächlich noch Menschen, ja ganze Familien!

Und obwohl die Menschen am Bach wohnen ist Wasser kostbar: Regenwasser wird mit der Schaufel gesammelt, aufbewahrt für jene Wochen, an denen der Regen ausbleibt und die Bohnen auf den Feldern vertrocknen.

Collecting the rain water

Collecting the rain water

Heute feiern die Kinder Karneval, sie haben Schulfrei. Trommelnd stehen sie am Straßenrand, manche richtig verkleidet, andere mit bemalten Papiermasken. Die Trommeln haben sie selbst gebaut, aus 5-l-Konservendosen – es reicht, um damit Krach zu machen. Die Jungs necken die Mädchen, versuchen ihnen Angst zu machen… Kinder halt!

Kid's carival

Kid’s carival

Das Leben hier ist sicher hart, ohne die Annehmlichkeiten modernen Lebens und doch auch wieder nicht: Die Männer können sicher zupacken, wenn es sein muss, und doch haben wir hier keinen gesehen, der sich überarbeitet, auch nicht die, die Arbeit haben: Ihre Aufgabe besteht größtenteils darin irgendwo herumzulungern, rund um den Dorffernseher zu sitzen, Kicker oder Oril zu spielen, während die Frauen wenigstens noch die Kinder herumschleppen.

Daran, den Müll wegzuräumen, Ordnung zu machen, ihre Umgebung zu pflegen, denkt hier keiner. Ich will darüber nicht urteilen, ich wundere mich nur immer wieder, dass das die Menschen nicht stört, also rein optisch, von Umweltschutz rede ich schon gar nicht. Das gilt übrigens durchaus auch in Deutschland, auch da fällt nur wenigen ein, den Müll, den andere vor ihrer Tür fallen ließen aufzuheben… Sinn für Schönheit ist ja durchaus vorhanden: Sobald das Geld reicht werden die Häuser bunt angemalt, mit farblich abgesetzten Türen und Simsen. Gar manches Haus ist ein wahres Juwel!

So grau die Orte im Moment aussehen, die düsteren Rohbauten bedeuten doch, dass gebaut wird, dass Hoffnung auf ein angenehmeres Leben besteht: Eines Tages werden sie bunt sein, werden die Wege, die zu ihnen führen, gepflastert sein.

Ich wünsch es den wunderbaren, freundlichen Menschen von Santo Antão!

Official parade in Ponta do Sol: Note the police in front and at the end!

Official parade in Ponta do Sol: Note the police in front!

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12. Februar 2015
von Steffi
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Atemlos in Santo Antao

Die Berge? Die Steigung? Die Lebensbedingungen? Was raubt mir den Atem?

Während wir frühstücken, hält ein Aluger vor der Tür, der Fahrer blickt uns freundlich lächelnd und fragend an. Was die Fahrt nach Cruzinha da Garça kosten würde, frage ich ihn.
3.500 Escudos, etwa 30 Euro. Das erscheint uns viel.
Von dort, erklärt er den Preis, kann er niemanden zurück nehmen.

Er hat vergessen, die Straße zu erwähnen!

SA1 Ribeira

Ribeira Grande

Von Ribeira Grande führt wieder eine gepflasterte Straße, hinauf in die Berge.Es sind diese Berge, die mich zum ersten Mal an diesem Tag, nach Luft schnappen lassen. Steil aufgerichtet, mit Zacken und Zinnen, lange Rücken, hinter jeder Biegung eine neue grandiose Aussicht auf ein Tal, Terrassen oder eine Siedlung – es ist eine der schönsten Berglandschaften, die ich je gesehen habe! Mir fehlen die Worte, sie zu beschreiben, auch Fotos können nur eingeschränkt einen Eindruck vermitteln.

Atemberaubend schön!

Im Flusstal schlagen Männer Kiesel klein, für Sand, um weiter bauen zu können. Daneben weiden die Kühe, suchen die Hühner nach Korn – was uns exotisch, ärmlich oder hart erscheint, ist hier vielleicht ein fettes Leben? Wir werden sehen…

Gravelmaking

Gravel making

SA1 4Irgendwann wird aus dem Pflasterweg doch tatsächlich eine asphaltierte Straße!

Die abrupt an einem breiteren Feldweg endet.

Doch die Fahrt geht weiter.

Der nächste Ort ist überraschend gepflegt, mit bunt bemalten Häusern, Blumen davor und einen gepflasterten Dorfplatz. Ist das Tal fruchtbar genug, für bescheidenen – extrem bescheidenen – Wohlstand? Ist es die Ecolodge am Ende des Dorfes? Wir wissen es nicht.

Cruzinha

Cruzinha

Hinter dem Ort wird der Weg abenteuerlicher, eng und steil gewunden geht es über Flusskiesel hinauf nach Cruzinha. Ich kann kaum glauben, dass Jorge Miguel, unser sympathischer Fahrer seinen kostbarsten Besitz, das Auto, diesen Strapazen aussetzt! Doch er setzt uns brav am Dorfende ab.

Wir folgen dem gepflasterten und wieder aufwändig mit Steinmäuerchen gesicherten Weg entlang der Küste. Er ist anfangs wenig spektakulär, doch durchaus konditionell anspruchsvoll. In den Schluchten unterwegs stehen Wasserbehälter, von dort wird das Regenwasser wieder hinauf gepumpt, wohin können wir nicht sehen. Nach zweieinhalb Stunden geht es bergauf in ein Dorf: Fünf Häuser, vielleicht gibt es noch ein paar in den Bergen dahinter, eine Grundschule mit Fußballplatz. Etwa 50 Menschen leben hier in diesem Ort, der nur über den Klippenpfad erreichbar ist. Die Stromleitung folgt eben diesem Pfad, auch der dicke Wasserschlauch. Es gibt ein paar Ziegen und einige Hühner. Drei Jungs sitzen mitten auf dem Weg, flicken Netze, zwei Männer lösen Bohnen aus.

Nix da Supermarkt!

Und doch gibt es in Forminguinhas zwei Bars, die auch Mahlzeiten anbieten. Wir entscheiden uns für ein Getränk in der Bar „Erleuchtung durch Andreas Köppke“. Die junge Frau winkt mich in ihre Küche, öffnet den Kühlschrank und lässt mich wählen: Cola für mich, Bier für Tomy, all das für 230 Escudos, grad mal zwei Euro. Ich glaube, sie spricht nur Kriolu, kein Portugiesich.

Enlightment through Andreas Köppke

Enlightment through Andreas Köppke

Uff. Auch das schnürt mir die Kehle zu.

Und macht mich unglaublich dankbar! Was geht es uns gut!

Ein paar Wegbiegungen und Höhenmeter weiter liegt Corvo in einem fruchtbaren Tal, auch hier sind die Lebensbedingungen nicht anders. Zum Arzt, weil das Kind hustet oder Fieber hat? In die Schule? Die höhere Schule ist in Ribera Grande, wie ich von den heimkehrenden Schulkindern erfahre. Sie haben einen Zettel in der Hand, bitten die Wanderer um Geld, damit sie in die Schule gehen können, denn die kostet. Oder die Bücher. Oder auch für den Bus dahin, ab Fontainhas oder Ponta do Sol, bis dahin müssen sie laufen – über die Berge, vielleicht eine Stunde oder auch mehr! Vielleicht bringen sie auch Fisch dafür nach Hause, was soll’s mit vollem Bauch lernt es sich leichter. Ich hoffe nur, dass ihnen irgendwann jemand beibringt, den Müll nicht einfach die Klippen hinunter zu werfen…

 

Auch der Müll beengt meine Brust, macht mich traurig.

SA1 Müll

Hier kann es nicht um Leben, nur um Überleben gehen. Aber wer weiß, vielleicht ist das auch nur ein Vorurteil? Da gibt es diese Geschichte von dem armen Fischer, den ein reicher Mann einreden will, mehr Fisch zu fangen, damit er dann irgendwann in der Sonne liegen könne. „Das tue ich jetzt schon!“ sagt der Fischer…

Wirklich atemlos werde ich beim Anstieg über den Grat. Was die Schulkinder mühelos jeden Tag bewältigen, kostet mich einige Anstrengung: Seit November habe ich meine Kondition sträflich vernachlässigt, das spüre ich jetzt gewaltig! Doch stetig setze ich Fuß vor Fuß, ab Fontainhas, das wie ein buntes Adlernest am Fels klebt, geht es nur mehr bergab.

Fontainhas auf Santo Antao, Kap Verden - www.sy-yemanja.de

Fontainhas

Aus der Ferne sehen wir Gruften, oder einen Friedhof, zumindest halten wir die grauen Zellen dafür. Erst kurz davor hören wir das Grunzen: Schweineställe sind es, weit außerhalb der Ortschaft, damit der Gestank nicht ganz Ponta do Sol den Atem raubt!

Schweineställe

Schweineställe

Wir nehmen den Trampelpfad, der zu den Ställen führt. Ein richtiger Fußballplatz, ein paar Häuschen, die wie Favelas anmuten, ein paar Villen, ein paar kleine Reihenhütten, bunt und gepflegt, schon sind wir unten am Meer!

Eine Dusche! Abendessen! Bett – mir war kalt die letzte Nacht, ich fühle mich etwas grippig. Was wird das morgen werden?

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Dieser Beitrag nimmt an der Blogweltreise von Auswandern für Anfänger teil

11. Februar 2015
von Steffi
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Wie wir versteigert werden

Wir quälen uns um halb sieben aus den Federn, um halb acht geht die Fähre nach Santo Antão, der Insel nebenan. Nun haben wir zwar ein eigenes Schiff, doch gibt es auf Santo Antão keine Anlegemöglichkeit, nur eine einzige Ankerbucht vor einem abgeschiedenen Dorf – von dort aus könnten wir die Insel kaum erkunden. Außer unserer Rückfahrt haben wir nichts gebucht: Wir sind jetzt echte Rucksacktouristen.

Sunrise over Santo Antao

Sunrise over Santo Antao

Kaum verlassen wir das moderne Terminal in Porto Novo, stehen wir in einer Versteigerungshalle: Auf der Tribüne stehen die Händler, unter auf der Bühne zieht die Ware vorbei: Touristen.

Auction

Auction

Wir.

Wir werden an den am wenigsten verlangenden Aluguer-Fahrer verschachert, zumindest für die Fahrt nach Ponta do Sol.

Und was für eine Fahrt!

20 Kilometer Luftlinie sind es von Porto Novo bis Porta do Sol, auf der Straße vielleicht 40, gebraucht haben wir zwei Stunden, mit höchstens 35kmh!

Ein gepflasterter, gut befestigter Weg, gerade breit genug damit zwei schmale Autos aneinander vorbei können, windet sich hinauf in die kahlen, rotbraunen Berge. Grau verstaubte, niedrige Akazien drücken sich an den Wegesrand, darunter blühen gelbe Aloen. Wild zerfurcht sind die Schluchten. Je höher wir kommen, umso grüner und dichter werden die Akazien, bald gehen sie über in einen Eukalyptuswald. Erst dort oben stehen vereinzelt Häuser, die sich manchmal zu lockeren Ansammlungen gruppieren. Manche sind bunt angemalt, die meisten aber zementgrau und halbfertig. Bunt ist nur die Wäsche auf der Leine. Ziegen und Hühner laufen herum, auf mancher Weide stehen zwei Kühe. Esel warten angepflockt am Straßenrand auf ihren Einsatz.

Oben bleibt der Fahrer an der Cova de Paúl stehen: Unter uns liegt ein eingestürzter Krater mit Feldern und Weiden, dorthin wird uns eine der Wanderungen führen.

Der Weg, die Landschaft und die Straße bleiben spektakulär. Je weiter wir hinunter kommen, umso karger wird das Land, wieder türmen sich eindrucksvolle Bergrücken vor uns auf, durchzogen von tiefen Schluchten.

 

Es ist großartig! Marvailhoso! Wie gesegnet bin ich, dass ich dies sehen und erleben kann!

In Ponta do Sol lässt uns der Fahrer am Hafen aussteigen, wir zahlen knapp 9 Euro für die Fahrt. Im Hotel unserer Wahl ist kein Zimmer frei, obwohl wir eher den Eindruck haben, Madame passt unser Ansinnen gerade nicht in den Kram. Was den Tourismus angeht, ist Ponta do Sol fest in französischer Hand.

Daneben, im Por do Sol Arte fühlen wir uns sofort willkommen, die Dame lächelt freundlich, auch das Zimmer ist freundlich blau, einfach und sauber. Der Balkon liegt über der „Strandpromenade“, direkt vorm Meeresschwimmbecken. Von hier oben können wir gut das Treiben auf der Straße beobachten: In blaue Kittel gekleidete Mädchen, die fröhlich von der Schule nach Hause hüpfen; Männer beim Spiel; Hunde, in denen frau noch eine Rasse vermuten könnte, sie gehören durchaus zu bestimmten Familien ohne jedoch ins Haus zu dürfen; die Netze sortierende, fischende Dorfjugend; die heimkehrenden Fischerboote.

Near the harbour in Ponta do Sol

Near the harbour in Ponta do Sol

Wir beschließen, die Wanderung heute ausfallen zu lassen und zum Hafen zu gehen.

Gut so!

Welch‘ ein Spektakel ist die Heimkehr der Fischer!

coming home

coming home

Dem muss ich einen eigenen Artikel widmen, vermutlich im Sommer! Ich brauche Zeit, um all die Eindrücke zu verarbeiten, Berichte zu schreiben und zu posten und vor allem um die Fotos Blogtauglich zu machen.

Abends muss ich eine weiteres Vorurteil loslassen: Afrikanischstämmige Menschen haben nicht automatisch Rhythmus im Blut, sich elegant zu Musik zu bewegen, ist ihnen nicht in die Wiege gelegt: Am Fußballplatz der Grundschule wird für Karneval geprobt, die Trommeln toben. Die Vortänzerin schwingt ihren Hintern sehr eindrucksvoll, doch die farbigen Kinder bewegen sich so hölzern, wie es sonst nur Weiße können. Oder sie bleiben gleich stocksteif stehen.

Nur die Großmütter in der letzten Reihe haben sichtlich Spaß!

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Mindelo

10. Februar 2015
von Steffi
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Mindelo

Ich starre auf die schwarze Hand – Ist sie leer? Soll ich sie füllen? Ich sehe etwas glänzen, es könnte ein Ring sein. Oder Schweiß. Der Rhythmus der Trommeln zwingt förmlich zum Tanzen. Der Mann vor mir glänzt in seiner Schwärze in der dunklen Nacht. Schwarze Muskeln, nackter Oberkörper. Ohrgehänge und Bastrock. Weiß glänzen seine Augen, die mich selbstbewusst und stolz anblicken. Er bettelt nicht. Er fordert seinen Anteil.
Ich verstehe ihn nicht, ich will ihn nicht verstehen. Zu sehr fasziniert mich seine Authentizität.

Wir sind in Afrika. Oder im Karneval.

Irgendwie verwirrt mich der Typ und die anderen schwarzen, tanzenden Bastrockträger: Verkleiden sie sich als Eingeborene? Ist das ihre Tracht, ihr Dirndl? Würdigen sie so ihre Vorfahren, ihre Herkunft? Oder geht es nur um den Spaß?

Da passt etwas nicht in mein geordnetes Weltbild – und das ist gut so! Denn offensichtlich gibt es darin mehr Vorurteile als mir lieb sind! Und die dürfen gerne weichen!

Doch Mindelo überrascht mich noch mehr, es überrascht meine Sinne, die auf See doch eher darben.
Nein, es labt meine Sinne.

Wir lassen die Trommelgruppe weiterziehen und suchen ein Restaurant. Wir finden in der Dunkelheit dieses Sonntagabends nur eine Pizzeria. Und noch eine. Und noch eine. Die dritte nehmen wir, aus purer Verzweiflung: Wir haben Hunger.
Die Kellnerin fragt, in welcher Sprache wir die Karte wollen. „Portuguese!“ „Portuguese?“ Sie blickt uns ungläubig an, doch spricht sie von da an Portugiesisch mit uns – das war in Portugal unmöglich. In den Köpfen der sonst intelligenten Portugiesen existierten portugiesisch sprechende Ausländer nicht, sie antworteten immer auf Englisch. Oder Spanisch, was ich nun am wenigsten kann!
Ich esse gegrillten Fisch mit köstlichen Rosmarinkartoffeln, der Salat dazu haut mich um: Das Olivenöl darauf ist erstklassig!

Nachts ist die Stille so laut, dass ich davon kurz aufwache: Kein Wind heult, keine Welle schlägt, keine Fische knabbern am Schiffsrumpf, kein Hund bellt, kein Auto fährt!

Montagmorgen reisen wir offiziell auf den Kap Verden ein. Die Policia arbeitet entspannt, aber effizient und durchaus freundlich. Der junge Beamte der Policia Maritima hingegen ist sichtlich erfreut, dass wir portugiesisch sprechen. Wenn irgendetwas ist, wir sollen kommen, er hilft uns! Keine der beiden Institutionen interessiert sich für den Ausreisestempel der Kanaren, das Wort Visum wird nie erwähnt.

Überhaupt sind die Menschen sehr hilfsbereit: Kaum stolpere ich, hilft mir jemand auf, kaum fällt mir etwas runter, bückt sie einer neben mir, kaum sehen wir fragend um uns, bietet jemand Hilfe an. Dabei sind die Gesichter verschlossen, abweisend – so sehr uns die Züge und die Farbe der Menschen an Bahia erinnern, so fremd sind sie. Es fehlt das Lächeln, die Leichtigkeit des Seins, Allegria: Das Leben auf den Kap Verden ist hart. Vielleicht ist es auch die Stadt, die ihre Gesichter verschließt.

Am Straßenrand verkaufen die Frauen Bonbons einzeln aus großen Körben, manche bieten selbstgemachte, köstliche kleine Fisch- oder Käsepasteten an, Fingerfood von der Straße. Männer jeglichen Alters sitzen unter Bäumen im Schatten und verspielen leidenschaftlich das Leben: Kicker, Poker, Oril, ein afrikanisches Spiel. Straßenköterblonde Hunde, mit mehr oder weniger grau darin, alle gleich groß, alle gleich aussehend, dösen im Schatten, laufen mit eingezogenen Schwanz durch die Straßen. Mayan Terrier nennt meine Freundin diese „Rasse“, die alle Rassen beinhaltet und immer gleich unauffällig aussehende Hunde hervorbringt, in Guatemala genauso wie hier.

Bonbonverkäuferin

Bonbonverkäuferin

Vorbei an bunten Häusern und bunten Fischerbooten, schlendern wir zur Markthalle. Tief sauge ich den würzigen Duft der getrockneten Kräuter ein. Was wird meine Nase hier verwöhnt! Das Angebot an Obst und Gemüse ist groß, wenn auch nicht vielseitig: Zwiebeln, Karotten, Kartoffeln, Süßkartoffeln, Maniok, Tapioka, etwas Kraut, ein paar Kürbisse, grüne Paprika, viele Tomaten, Papaya, Gurken, eine Handvoll Ananas, Bananen, wenige Äpfel und Birnen, dazu Koriander, Petersilie und Minze.

Mindelo Belem

Boote Mindelo

Etwas hinter der Markthalle liegt der Praça Estrella. Auch hier ist Markt, Obst und Gemüse, aber auch Kleidung wird hier feilgeboten. Tomy fotografiert wie wild.

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Meine Mutter ruft an: „Lasst euch ja nicht einfallen, nach Afrika zu fahren!“
Amüsiert blicke ich um mich: Die Frauen hier sind pechschwarz, ihre langen Röcke bunt bedruckt. Eine Frau balanciert ein großes Bündel auf dem Kopf, die im roten, afrikanischen Kleid trägt ihre kleine Tochter attraktiv auf dem Rücken gebunden, Frauen, von exotischer Schönheit und zeitloser Würde, trotz oder wegen ihrer schmerzensreichen Geschichte.
„Mutti, ich BIN in Afrika!“

Mindleo Kind

Mindelo Junge

Many people from Cabo Verde live in the Netherlands

Many people from Cabo Verde live in the Netherlands

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9. Februar 2015
von Steffi
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Generalprobe bestanden!

Nach 8 Tagen, und vier Stunden legen wir glücklich in Mindelo auf den Cap Verden an. Wir sind in Afrika, Tomy zum ersten Mal in seinem Leben, ich war schon mal in Südafrika, aber das zählt nicht, ist zu europäisch!

Hinter uns liegen 924,5 Seemeilen, rund 1700 km, und jede Menge Erkenntnisse und Erfahrung:

-Fürs Umsetzen des Großsegels stimmt schon mal der Ablauf: Sissi, den Windpilot, auskuppeln, Segel ranholen, Bullenstander aus, Segel dicht holen, auf den anderen Bug schiften, Bullenstander dran, ausbaumen, Sissi einkuppeln und feinjustieren.

-Groß setzen und bergen geht auch immer besser, wir wissen mittlerweile beide, worauf es ankommt. Auf jeden Fall nicht ohne: „Halt das Schiff im Wind!“, weil das vergesse ich ja immer ;-)

-Mit dem Groß vorm Wind segeln: Wir wissen jetzt worauf es ankommt, zumindest unter den bisherigen Bedingungen. Das ist ein guter Anhaltspunkt.

-Vorm Wind braucht unser Schiff bei moderater Welle mindestens 13, besser 14 Knoten Wind, andernfalls fällt das Segel ein. Sprich: zwischen 10 und 14 ist Segelmordwind.

-Mit raumem Wind und leichter Welle reichen 10 Knoten. Bullenstander hilft, in den Wellen das Rigg zu schützen.

-ab 16 Knoten geht auch nur mit der Genua die Luzie ab – bei raumem Wind.

-Wir bekommen langsam ein Gefühl dafür, unter welchen Bedingungen, also der Kombination aus Wind und Welle, welches Segel und welche Größe für unser Schiff optimal sind.

-Trimmen… Wir werden besser…

-Kurs setzen: Glückssache, zumindest wenn frau das angesagte Wetter mit einbeziehen will. Siehe Wetter.

-Kurs halten: Tomy fährt lieber nach Kompass, ich lieber nach Kurslinie am Plotter. Nachts hilft manchmal gar nichts, nur Geduld und Konzentration. Siehe: nächtliches Kreisfahren.

-Wellen sind nicht gleich Wellen. Wenn im Wetterbericht zwei Meter angegeben sind, kann das viel heißen. Von kurz und steil bis zu langer Dünung. Das müssen wir noch studieren.

-Der Wetterbericht! Eine gute Richtlinie, mehr nicht. Weder Passageweather noch GribFiles sind letztendlich für spezielle Reviere genau genug. Und für allgemeine Revier sind sie genau das: Allgemein.

-Die Bedingungen auf See können sich verdammt schnell ändern! Und nicht immer zum Schlechteren!

-Bei der Anfahrt einer Insel/Land ist die Optik auf See täuschend und nicht mit Land zu vergleichen, je weiter weg umso schwieriger ist es.

-Wir werden uns zwar immer wieder neu an die Bewegungen des Schiffes gewöhnen müssen, die gute Nachricht ist: Wir tun es. Wir passen uns den Bewegungen an, wissen, unter welchen Bedingungen wir uns wo und wie zum Anziehen, Kochen oder Waschen hinstellen müssen. Auch an Deck, angeleint, versteht sich, werden wir sicherer.

-Wir kennen eine Unmenge von Geräuschen! So ein Schiff ist eine wahre Sinfonie!

-Die Verpflegung unterwegs war gut, unser schon auf La Gomera gekauftes Obst und Gemüse hielt gut, das französische Gemüse aus der Dose ist wirklich gut. Unsere Vorräte sind gut auf unseren Bedarf abgestimmt. Wirklich viel brauchen wir nicht.

-Kochen unterwegs ist gar nicht so schwierig!

-Vor dem Betätigen des Salzwasserhahnes diesen in die Spüle drehen!!!! Andernfalls droht eine Überschwemmung der Küche!

-Schlafen ist eine Herausforderung, doch es geht.

-Für eine Verbindung mit Sailmail muss ich den Standort eingeben ;-)

-Die Funkrunde um 14:30 hört uns nicht, wir sie schon. Was übersehen wir? Irgendeinen Fehler machen wir doch bestimmt!

-Delfine sind zauberhaft und immer willkommen!

Tomy after raising the Q-Flag before entering Cabo Verde

Tomy after raising the Q-Flag before entering Cabo Verde