16. März 2015
von Steffi
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Atlantic Crossing Tag 21

Das Wasser kocht und brodelt, es sprudelt, blubbert und spritzt.

Delfine, Delfine, Delfine – soweit das Auge reicht! Es muessen Hunderte sein!

Es ist großes Kino, großes Sportfest: Synchron-Schwimmen in Fuenfer oder Sechser Formation, Synchronspringen, Einzelspruenge, mit doppelter Drehung, Weitsprung, Hochsprung, Rueckwaerts im Wasser stehen, Bauchflatscher, Rückenflatscher, Ditschen – Yemanja hat ihre verspielteste Delegation zu unserer Begruessung vorbei geschickt!

Koennten das nur meine Engel sehen, Lian, Melle, Laura und Melisa!

Der Papagei auf meiner Schulter erhebt sich sanft in die Luefte, mein Wahnsinn schwindet: Ich weiss jetzt, warum ich den Atlantik in einem kleinem Segelboot ueberquere: Diese Stunde mit den Delfinen war es wert!

Dann noch das Meeresleuchten und die Sterne. Die Sonnenaufgaenge und -untergaenge. Ja, doch, es ist ver-rueckt, was wir tun, aber wir sind in eine lebensfrohe Richtung gerrueckt!

Nachts sind wir gut 100 Meilen von Salvador entfernt – hell leuchtet das verstreute Licht am Horizont! Spaetestens jetzt ist mir klar, was Lichtverschmutzung ist! Dabei ist Salvador nicht mal eine besonders beleuchtete Stadt, ein paar Strassenlaternen, ein paar beleuchtete Haeuser, Leuchtreklame fehlt fast voellig. Oder hat sich das so geaendert?

Der Wind frischte nachts wieder etwas auf, wir konnten segeln, ab dem Morgen muessen wir kreuzen. Schliesslich machen wir noch einen Knoten pro Stunde in Richtung Ziel – Motor an. Nur hat der ein sowieso ein Problem mit der Kuehlung, das warme Wasser hier mag er gar nicht. Also braucht er immer wieder eine Verschnaufpause – in der wir ohne alles schneller unterem Ziel entgegentreiben als mit Kreuzen! Verrueckt!
Land sehen wir noch keines, obwohl wir nur mehr dreissig Meilen davon entfernt sind, dafuer ist die Kueste zu flach. Rund siebzig Meilen haben wir noch bis ans Ziel, jetzt um 16:40 UTC, 17:30 in Koeln und Wien.

Sollte in den naechsten 24 Stunden zu schaffen sein! Cariad und Robusta sollten morgen kommen und Sailor Moon wir wohl heute in Cabedelo/Jacare angekommen sein: Jaqueline kaempfte die ganze Zeit mit Uebelkeit und Erbrechen, Mischa segelte praktisch Einhand – noch eine Woche war zu viel fuer die beiden. Wir werden sie sehr vermissen!

(Hier geht es zum Delfin-Video)

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15. März 2015
von Steffi
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Atlantic Crossing Tag 20

„Sag Schatz, wieso haben wir eigentlich nicht…?“
„Steffi, ich weiß es nicht!“

Wieso tut frau nicht, was ihr die Intuition einfluestert? Es liegt sicher nicht daran, dass ich die Stimme der Angst nicht von der Stimme der Intuition unterscheiden kann – dass kann ich naemlich mittlerweile sehr gut! Die Stimme der Angst geht immer mit dem Gefuehl von Angst, Sorge oder Beklemmung einher und setzt eine Gedankenspirale in Gang. Nicht, dass das schlecht waere: Sie zwingt mich darueber nachzudenken, wie ich das „Was-waere-wenn“ verhindern kann oder was ich  im Falle eines Falles tun kann, um das Problem zu loesen.

Die Intuition  ist einfach ein neutraler Gedanke, der ploetzlich aufblitzt. Ich nehme ihn wahr, er ist einfach da, aber ich fuehle nichts dabei. Und ich glaube, genau deshalb reagiere ich auch nicht.

Wir hatten gestern Abend wenig Strom. Mangels Wind war der Windgenerator nicht gelaufen, die Batteriespannung war relativ niedrig. Bevor Tomy sich hinlegte, meinte er noch: „Ich dreh schon mal das Kuehlwasser vom Motor auf, dann kannst du ihn sofort anmachen, wenn du Strom brauchst.“

Und da war der Gedanke: „Mach ihn jetzt an, nicht dass es dann nicht geht!“ Aber nein.

Tomy hatte doch noch vor unserem Ablegen in Mindelo mit unzweifelhafter Autoritaet gegenueber Tom geaeussert, dass er Motor- und Brauchbatterie per Schalter getrennt hat, damit er jederzeit genug Strom hat, um den Motor anzuwerfen.

Na, und jetzt ratet mal!

Um 22:32 flimmerte der Bildschirm des Plotters, fiepste und weg war er. Schnell, den Motor an.

Der knurrte nur leise, das war’s.

Beide Batteriebaenke waren hoffnungslos leer.

Also drehten wir alle Geraete, Plotter, Control Panel, VHF, AIS und Navilichter aus, nur das Toplicht blieb an und fuhren mit dem Hand-GPS weiter. Zwölf Stunden dauerte es, bis Windgenerator und Solarpaneel die Batterien soweit geladen hatten, dass der Motor wieder ansprang. Und jetzt schnurrt er, denn Wind ist keiner, um die vier oder fuenf Knoten, – Ankunft morgen nicht machbar, wird wohl Dienstag werden. Aber nur wenn noch Wind kommt, denn noch schaffen wir es nicht nur mit Motor. Soviel Diesel haben wir nicht.

So meine lieben Leser, jetzt duerft ihr den Kopf schuetteln, duerft es besser wissen und uns Dummkoepfe schimpfen – ihr habt Recht! Wir wuerden das umgekehrt auch tun.

Aber eines ist sicher – Tomy braucht mich nicht mehr zu schimpfen, wenn ich mal wieder vergessen habe, den Hebel der Toilette umzulegen…

14. März 2015
von Steffi
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Atlantic Crossing Tag 19

Eine Schule Delphine kommt vorbei um uns zu begruessen, just als wir die nordoestliche Ecke von Brasilien erreichen. Von da segeln wir etwa 150 Meilen vor der Küste diese entlang nach Suedwest. Flott geht es dahin!
Wir erreichen die  Höhe von Recife.

Maceio

Aracaju

Und da ist der Wind weg, die Segelschlagerei und das Dahinduempeln gehen wieder los!

Salvador… Im Moment denke ich, wenn ich einmal da bin, will ich gar nicht mehr weg! Sicher, wir waren zuletzt vor knapp drei Jahren da,  wer weiss, vielleicht hat es sich ja so geaenderrt, dass es uns nicht mehr dort gefaellt, dass es sich nicht mehr wie Zuhause anfuehlt. Was dann?

Erst mal freuen wir uns auf eine Dusche, eine Waschmaschine, Mangos und Maracujas, und die Baia dos Todos os Santos mit dem Schiff zu erkunden. Es gibt noch so vieles, das wir nicht kennen!

Auch sind wir beide mittlerweile voellig davon ueberzeugt, dass es durchaus erstrebenswert ist, mal den Atlantik in einem Segelschiff ueberquert zu haben – aber so wochenlang auf See, nein, das muessen wir so schnell nicht wieder haben. Seglerisch ist die Ueberfahrt keine grosse Leistung, da muessen wir Elke und Walter von der Sunrise zustimmen. Die Herausforderung ist koerperlich – frau braucht viel Sitzfleisch und ist doch staendig in Bewegung – und psychisch: Wenig Wind (oder alternativ auch zu viel Wind), Segelgeschlagen, nie ruhig liegen oder stehen, immer irgendwo festhalten, nur Wasser weit und breit, keine anderen Menschen, keine suesse Dusche, Hitze unter Deck, alles ist salzig und klebrig und stinkt!

Es reicht!

13. März 2015
von Steffi
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Atlantic Crossing Tag 17 und 18

Yemanja fliegt über das Wasser, sie ist nicht aufzuhalten. Nein, wir haben nicht das Schiff gewechselt, der Wind – Iansa – ist uns endlich hold: Er weht aus der richtigen Richtung, so dass wir raum oder am Wind segeln koennen. Auch weht er mit sanfter Kraft, mal 10 bis 15, mal 15 bis 20 Knoten. Unser bisher bestes Etmal betrug 156 Seemeilen, mehr als doppelt so viel wie unser schlechtestes. Und das mit Gross und Genua im ersten Reff. Die Segelschlagerei, das Beben des Riggs hat ein Ende, auch das Schaukeln ist vorbei, dennoch ist jede Handlung anstrengend: Ihr kennt doch diese schiefen Haeuser im Prater oder Phantasialand, die mit den schiefen Ebenen, durch die frau unter viel Gekicher im Dunkeln stolpert. Nun, in so einem wohnen wir gerade! Und es bewegt sich auch noch dabei!

Die vergangenen Tage waren ruhig, ohne  große Ereignisse. Außer vielleicht, dass parallel zur Kueste, ungefähr auf unserer Strecke, die Nord-Sued-Schifffahrtsroute entlang geht. Ein Frachter unter Luxemburger Flagge der Reederei Hamburg Sued, die Cap San Nicolas, kam genau auf uns zu. Tomy funkte ihn an und bekam auf Deutsch die freundliche Antwort, dass er uns ausweichen wird. Dennoch kam er uns auf eine halbe Meile nahe. Seitdem sind wir keinem weiteren Schiff mehr begegnet.

Cap San Niclas

Unsere Vorraete haben gut gereicht: Wir haben noch genug Erdaepfel und Suesskartoffel um noch einmal Bratkartoffeln mit Chorizo zu machen, dazu Tomatensalat aus den beiden letzten Paradeisern. Nur drei davon verschimmelten, die Bananen waren wohl zu gruen, die wurden nie reif, sonst hat alles gut gehalten. Mit den französischen Dosengemüse, das wirklich gut ist, und den Konserven von der Lady S haben wir immer lecker und abwechslungsreich gegessen.

Robusta und Cariad liegen etwa einen Tag hinter uns, Sailor Moon drei. Jaqueline ist es immer noch schlecht, Mischa muss alles alleine machen, so ueberlegen die beiden, ob sie Recife oder Cabedelo ansteuern. Wir hoffen, dass sie durchhalten und  mit uns die Baia dos Todos os Santos erkunden werden.

Merkt ihr’s? In Gedanken sind wir schon in Salvador – Montag wird es wohl soweit sein.

11. März 2015
von Steffi
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Atlantic Crossing Tag 15 und 16

Wir entwickeln uns zu einem Vogeltransporter:

Vorletzte Nacht suchten gleich drei schwarze Voegel Zuflucht auf dem Verdeck, der Reeling und dem Aussenborder des Dinghis. Immer wieder haben wir davon gelesen, dass Voegel das gelegentlich tun, dennoch klang es immer so,  als waeren Voegel unterwegs die Ausnahme – dabei verging noch kein Tag ohne sie:
Einzelne grosse weisse Moewen-aehnliche Voegel segeln immer wieder ueber uns hinweg, mit gelblichem Kopf und tuerkisem Schnabel. Sie tauchen ins Meer, jagen Fische. See- oder Sturmschwalben tanzen  knapp ueber den Wellen auf der Suche nach – ja was? Die schwarzen Voegel kommen oft zu mehreren. Vielleicht gibt es auch noch andere Arten, so genau koennen wir sie nicht unterscheiden.

Ein Vogel, besser zwei, wohnt definitiv noch bei uns: Zwei wundershoene blaugruene Papageien sitzen auf den Schultern meines Skippers und seiner Seemannsbraut. Anders als mit einem profundem Vogel koennen wir uns beide im Moment nicht erklaeren, was Menschen – uns –  auf die Idee bringt tagelang, ja wochenlang mit einem Schinakl uebers offene Meer zu schippern, immer schlingernd, immer in Bewegung, meist so laut, dass jeder Gesundheitsapostel angehoerigst der Dezibel eine Panikattacke bekommen wuerde.

Ach so, ihr wisst nicht, was ein Schinakl ist? Urspruenglich ein kleines, wackeliges Boot, mit dem ungarische Fischer ueber den Balaton fuhren, im oesterreichisch-bayrischen Sprachraum jedes kleines Boot und auf jedem Fall solche, die nicht besonders vertrauenserweckend sind. Also fuer jemanden, der Angst vorm Wasser hat, jedes, sogar unsere solide Yemanja. (Christine R. Ich seh‘ dich grinsen).

Wir haben unseren moralischen Tiefpunkt: Noch sechs, sieben Tage bis Salvador! Nimmt das denn gar kein Ende? Immer nur Wasser, Wolken und Sterne! Immer irgendwo festkrallen und trotzdem ueberall blaue Flecken haben. Schwitzen wie eine Quelle – aus allen Poren dringt Wasser.

Meine Faehigkeit, im Hier-und Jetzt zu geniessen, schwindet – in Gedanken bin ich am Strand, unter Palmen, hab ein kaltes Bier und dazu koestliches Picanha! Und meine Freunde!
Oder ich bin bei meinen Kindern, beim Brautkleid aendern, beim Engelchen schaukeln, beim Grillen und mit ihnen lachen und quatschen.

Dabei  haben wir es noch gut: Yemanja stampft sich auf Anwindkurs nicht in den Wellen fest, wie Sailor Moon, sie huepft auch nicht drueber, wie Robusta, nein, sie surft mit ueber 7 Knoten auf ihnen. Unser Etmal ist knapp doppelt so schnell, wie unser schlechtestes von 75 Seemeilen.

Mit der Geschwindigkeit kommt Hoffnung auf – vielleicht, vielleicht schaffen wir es bis…