18. Oktober 2015
von Steffi
2 Kommentare

Im Turm zu Babel

Wer nach Maraú (Mara-u) und zum Wasserfall von Tremembé will, muss durch nicht vermessenes Wasser. In der Mitte des Flusses Maraú sollen wir uns halten, da wäre es tief genug. Es ist nur nicht ganz so einfach die Mitte zu finden. Buchten weiten und schließen sich. Woher kommt der Fluss? Wohin fließt er? Wohin auch immer wir schauen, um uns herum ist alles grün, Palmen, etwas Weideland, Buschwerk, und blau, Wasser und Himmel, vielleicht mit einem weißen Tupfer Wolke 7. Ein oder zwei Fischer sehen wir, vielleicht vier oder fünf kleine, gepflegte Häuschen am Ufer. Das hier ist ein Paradies. Ein nicht vermessenes Paradies. Natur pur.

In Europa wäre es der Himmel für Wassersportler. Vermessen, ausgelotet, ausgebaggert, von Steinen befreit und erschlossen bis in den letzten Winkel.

Erste Ilha dos Ratos

Erste Ilha dos Ratos

Nun, da hätten wir ja gleich zu Hause bleiben können.

Die Antennenmasten von Maraú sind fast ein Schock. Wie Lanzen stecken sie in dem Land, reißen Wunden in den weichen Hügel über dem Städtchen. Ach ja, ich will wenigstens eine SMS an meine Töchter schreiben können, auch wenn ich selten Antwort bekomme: Sie vergessen meist, dass ich Text über Internet versendet, nicht empfangen kann.

Marau

Marau

Ein wenig scheuen wir den Ort, vielleicht auch die Anhäufung Menschen und alles was dazugehört: Musik, Autos, Handel, Schule, Geschäftigkeit. Dabei brauchen wir wieder Trinkwasser, Bier und Obst. Doch für heute reicht es, das Städtchen vom anderen Ufer aus zu betrachten.

Wir ankern gegenüber Maraú, neben dem blauen Segelschiff vor einem hölzernen Steg. Kaum hält der Anker, sind wir auch schon eingeladen, SILMARIL auch.

„Echt? Dürfen wir kommen?“

„Was heißt dürfen, ihr müsst einfach!“

Ich glaube, der ältere Herr in dem kleinen Fischerboot mit dem Sonnenhut tief im Gesicht freut sich darauf, wieder deutsch sprechen zu können.

ABEMA

ABEMA

Es wurde ein sechssprachiger Abend aus fünf Nationen. An einem Ort, von dem zu träumen ich mich kaum wage.

Jens, Deutscher, und Blanca, Peruanerin, kamen mit dem Segelschiff, entdeckten, dass sie hier Wald kaufen konnten – unerschwinglich in Deutschland – und blieben. Hinterm Mangrovensumpf auf den bewaldeten Sanddünen gegenüber von Maraú. Jens rodete den Dschungel, vertrieb Gürteltiere und Boas, baute ein steinernes Haus und einen hölzernen Pier, sank seine ABEMA mit dem Kiel in den Schlamm, legte Treppen an, pflanzte Bäume und Blumen, baute einen Waschplatz für Mensch und Kleidung, gespeist aus der Trinkwasserquelle. Gemüse anbauen klappte nicht, was die Ameisen übrig ließen, fraßen die Guaiamum, die großen blauen Krebse. Andere Segler kamen, gingen, manche blieben eine Weile. Deren Kinder bauten Baumhäuser und Schaukeln, halfen beim Bau des Sommerhauses: Vielleicht 50 m² Raum für Küche, Tisch und Bänke, darüber ein Hochbett, an Ort und Stelle gehalten von halbhohen Wänden und umgeben von einer kleinen Terrasse. Morgens früh flattern Kolibris übern Bett. Die Fledermäuse ziehen den Garten vor, die Affen werden von den Hunden ferngehalten. Strom gibt es erst seit einigen Jahren.

Die Segler zogen weiter, umrundeten die Welt, auch dort, wo andere, weniger Mutige oder Leicht-Frierende nicht hin wollen. Sie begriffen, was Extremsegler brachen und bauen heute Schiffe aus Aluminium. Gute Schiffe. Boreal. Kinder von Abenteurern oder meinetwegen Aussteigern, die eine Art Karriere machten.

Jens und Blanca blieben, träumen davon noch einmal los zu segeln. Viel Zeit bleibt ihnen nimmer, liegen doch die Jahre, in denen der moderne, der Gehirnwäsche der Medien ausgesetzte Deutsche – auch der Österreicher – daran denkt, sich eine Barriere freie Wohnung zuzulegen, längst hinter ihnen. Ach was, in dem Alter, in dem zu Hause die Menschen daran denken sich einen Rollator zu kaufen, nur so für alle Fälle und weil es im Knie ziept, begann Jens mit der Rodung seines Anwesens. Und klettert heute immer noch in sein Hochbett, auch wenn die Beine krumm sind.

Der Mensch begreift einiges unterwegs.

Auch sich auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch und Flämisch gleichzeitig zu unterhalten. In irgendeiner Sprache fällt einem das Wort schon ein. Untermalt mit Blancas südamerikanisch temperamentvollen Gesten ist kein Unverständnis mehr möglich. Nur mehr Lachen und Vertrauen.

Eta prawda.

 

INFO: Einfach bis kurz vor Maraú in der Mitte des Flusses halten, dann in sehr spitzen Winkel (Felsen) entweder Maraú oder ABEMA anlaufen. Demnächst mehr unter Infos, Downloads oder in der Sidebar

 

Mit wem hast du dich schon mal in mehr als zwei Sprachen unterhalten? Wo? Bitte erzähle uns davon im Kommentar.

17. Oktober 2015
von Steffi
Keine Kommentare

Ilhas dos Tatus e Tubarões

Ich liege an Deck und schaue auf die Palmen und das Grün auf den Ilhas dos Tatus und Tubarões im Rio Maraú. Diese Inseln und den Ort dahinter wollten wir heute Mittag erkunden, doch die Ebbe vereitelte unser Vorhaben: Nicht nur, dass wir mit dem Dinghi kaum über die Sandbänke kamen, nein, beim Aussteigen versank ich bis zur Mitte meines Unterschenkels im schwarzen Schlick. Die Einheimischen warten bis die Flut kommt, dann fahren sie mit ihren Bötchen und der ganzen Familie samt Hunden an die Strände um zu baden.

Einen Sandstrand fanden wir dann aber doch noch. Und Dendêpalmen voller Bromelien.

Mein Robinson

Mein Robinson

Camamu Tatus (10)

Jetzt spendet mir ein vergilbtes Tuch aus jenem Möbelhaus, das die kühlere Welt mit billigen Möbeln und allerlei Schnickschnack versorgt, Schatten. So vor der Hitze der Sonne geschützt, nehme ich die Kronen der Dendê- und Kokospalmen, das Grün des Buschwerks und der Bäume in mich auf, das Grün einer tropischen Bewaldung in seinen unendlichen Schattierungen. So wie die Eskimos viele Wörter für Weiß haben, so sollen die Bewohner des Regenwaldes viele verschiedene Grüntöne unterscheiden können: Da sind die grauen Grüns des frühen Morgens, die grellen, fast blendenden des Mittags, auch die durchscheinenden im Gegenlicht, alle werden sie am Nachmittag erst golden, dann rötlich und schließlich mit der einbrechenden Dunkelheit schwarz und ununterscheidbar.

Camamu Tatus (12a) (2)

Ich weiß, dies ist einer jener ewigen Momente, die ich aufbewahre, dort, wo sich mein Herz mit meinem Geist in Dankbarkeit trifft. Wie die Perlen eines Rosenkranzes reihe ich diese Momente aneinander, bereit, sie mir jederzeit voller Freude in Erinnerung zu rufen. Eigentlich rufen sie einander, diese Perlen. So wie der tiefblaue Tropenhimmel über mir jetzt den Mittagshimmel an einem sonnigen Wintertag im eiseskalten St. Petersburg ruft: Wie Feenstaub glitzert die gefrorene Feuchtigkeit dort in der Luft, eine Feuchtigkeit, die auch hier ist, doch niemals magisch glänzen wird. Die Magie dieses Landes ist eine andere: der Ruf des Bem-te-vi, das Kreisen der Geier, die zirpenden Grillen und die Menschen, deren Kunst, froh unter schwierigen Umständen zu leben mich immer wieder fasziniert.

Gestern erkundeten wir die kleine Siedlung namens Saphinho auf der Insel Campinho: In der Häuserzeile am Meer überwiegen Gastgärten, die sich hochtrabend Restaurant nennen, jeder mit einer beeindruckenden Anzahl von Tischen. Sollten diese an den Sommerwochenenden voll sein, dann muss dieser Ort einem Bienenstock gleichen. Bienen, die mit den Ausflugsbooten kommen, wie Heuschrecken über das Dorf herfallen, ein etwas Honig – Geld – dalassen und dennoch einiges zerstören. Tourismus bringt Nahrung und schneidet doch ins eigene Fleisch.

Heute sind wir jedoch die einzigen zweischneidigen Schwerter, die den Sandweg durch das Dorf entlangschlendern.

Seltsam wie die Natur manchmal spielt. In Saphinho leben gleich fünf Albinos, vier Brüder und eine Schwester. Die Eltern sind portugiesischfarben, doch kommen in beiden Familien Albinos vor. So wie in ihrer Kindheit, so müssen sie auch heute noch alles, was sie nicht selbst produzieren können in Camamu mit dem Boot holen. Durch das saubere, gepflegte Dorf führt zwar ein Sandweg, der sich jedoch im Nirgendwo verläuft. Weder eine Straße noch eine Piste führen hierher, Autos gibt es nicht.

Damals ruderte die hellhäutige Familie die 10 Seemeilen quer durch die Bucht, sieben Mann in einem kleinen Einbaum. Heute geht das mit einem kleinen Tuckerboot. Seit vielleicht knapp 20 Jahren gibt es Strom und fließend Wasser. Einem der jungen Männer, Joao, gehört heute die Strandbar, ein wenig hochtrabend Moquecaria genannt. Er kann sich sogar einen Koch leisten. Und eine Satellitenschüssel mit Flachbildfernseher. Internet hat die Bar auch. Das Passwort dazu kennen die Erwachsenen nicht, das müssen sie bei den Kindern erfragen. Die übrigens schwarz sind.

Moquecaria

Moquecaria

Während wir in dieser Strandbar gegenüber unseres Schiffes sitzen und köstliche Kibe essen, belädt der Wirt – so weiß wie es eigentlich außer einem Albino nur ein Engländer sein kann – einen Kahn mit leeren Bierkästen und Gasflaschen. Kurze Zeit später fährt er los, quer durch die Bucht hinüber nach Camamu, um neue Ware zu holen. Die Fähre kommt, Frauen, beladen mit Bananen und Tüten voller Obst und Gemüse steigen aus. Später, bei Flut, springen die größeren Kinder des Dorfes vom hölzernen Anleger, während die kleineren sich an der Treppe, die jetzt ins Meer führt, tummeln. Die Mütter sitzen daneben, die haben Zeit. Obwohl der Tag durchaus bei Sonnenaufgang noch vor sechs Uhr morgens mit dem Einholen der Reusen oder dem Besteigen der Fähre beginnt: Unter Stress leidet hier vermutlich keiner.

Die Kinder wachsen in einer Umgebung auf, von der die Aussteiger in der entsprechenden Facebookgruppe wohl träumen. Und ich denke, wie paradox das ist: Vermutlich wird keines der Mädchen hier jemals einen internationalen Konzern leiten, keiner der Jungs wird Arzt werden – und doch träumen sie vielleicht von jenem Leben, dem andere entfliehen wollen.

Dem Menschen, so sagt der Gehirnforscher Gerald Hüther, sind zwei Bestrebungen von der Zeugung an mitgeben: Verbundenheit und Wachstum. So streben wir danach, verbunden über uns selbst hinauszuwachsen: Kann es sein, dass die Menschen, die alles haben, über sich hinauswachsen, indem sie ihre Bedürfnisse und Habseligkeiten reduzieren und ein einfaches Leben führen, während die, die wenig haben, wachsen, indem sie nach mehr streben? Die Kinder der Aussteiger könnten so wie die Kinder von Saphinho von Reichtum, Forschung, Autos, Reisen, Hollywood* und Karriere träumen.

Ach ja, nachdem ich die Perlen meines glücklichen Rosenkranzes innerlich ertastet habe, werde ich wieder nachdenklich! Kann ein Mensch reicher sein, als auf einem Schiff vor einer tropischen Insel, in Dankbarkeit ruhend, mit Zeit und genügend Geld für Reparaturen, das Abendessen und Flüge in die Verbundenheit der Familie? Es kann auch gerne eine Tiefschneepiste sein, nicht für mich, aber mein Bruder würde sie vorziehen…

 

*Von einer Karriere als Fußballer träumen gerade wenige: Zu tief ist die Fußballnationalmannschaft Brasiliens gesunken…

 

Welche Momente der Ewigkeit machen dein Leben reich? Wenn du magst, erzähle uns davon im Kommentar

16. Oktober 2015
von Steffi
Keine Kommentare

Baleia

Stille.
Kein Glucksen und Blubbern, kein Surren und Säuseln
Kein Schaukeln und Schwojen.
Nichts.
Keine Bewegung.
Als ob wir auf Trockendock lägen.
Welch‘ ein Unterschied zu der Nacht zuvor!

Nachdem Montagmorgen die zweite Batterie kochte, blieb uns nichts anderes übrig, als in der Marina Centro Nautico den Feiertag abzuwarten. Um die Dinge ein wenig zu beschleunigen, ging Tomy am Dienstag gleich nach dem Frühstück rüber in die Bahia Marina zu Carlos. In Tomys Beisein organisierte er uns vier Batterien, die um ein Uhr geliefert und installiert wurden. Gut, Delphi sind es keine, die gibt es angeblich nicht mehr, zumindest nicht in Brasilien. Sind jetzt brasilianische. Auch gut – wir können weiter!

Lieferng und Installation waren übrigens im Preis inbegriffen (gleicher Preis wie in Deutschland) . Ich gab dem jungem Mann 30 Real Trinkgeld – in seinem Gesicht ging die Sonne auf! Und wir haben wohl einen neuen Freund…

Am Mittwoch um halb neun brachen wir endlich auf nach Camamu. Allerdings mussten wir bei Morro de São Paulo, dem beliebtesten Urlaubs- und Partyort Bahias, eine Nacht Pause einlegen. Wir wussten zwar, dass der Ankerplatz vor dem Iate Clube rollig sein kann, doch als wir ankamen, war es relativ ruhig.

Morro de Sao Paulo

Morro de Sao Paulo

Die Ruhe täuschte.

Nicht nur wir, auch andere Segler lagen mitten in der Einflugschneise der Taxiboote: Angefangen bei den traditionellen, langsamen Lanchas bis hin zu Schnellbooten mit 500PS nahmen alle Schiffe, die die Ortschaften auf der autolosen Insel miteinander verbinden, uns als Ansteuerung. Kurz vor dem Knall drehten sie ab, mit Vollgas natürlich. Wenn wir Glück hatten, rauschte einer links und einer rechts vorbei, dann glichen sich die Wellen in der Mitte aus. Sicher nachts fuhr keiner mehr, aber da setzte der Wind ein. Und die Wellen…

Einflugschneise

Einflugschneise

Gut, wir wollten ja früh weg. Um halb acht ging es weiter. Erst mal mit tadellos laufendem Motor raus, gegen 17 Knoten Wind und 2 bis 3 m Welle. Ich überlegte, ob ich seekrank werden sollte: Ich war mir nicht sicher, ob das seltsame Gefühl in der Magengrube Hunger – eine viertel Ananas zu Frühstück ist nicht viel – oder etwas Anderes war. Ich entschied mich für ein gekochtes Ei vom Vortag, die Wellen beruhigten sich, mein Magen auch und ab ging die Post. Höchstgeschwindigkeit 11,4 Knoten maß unser Plotter.

Wind und Wellen ließen weiter nach, doch wir kamen gut voran. Ich starrte ins Blaue. Immer wieder meinte ich ungewöhnliche Wellenberge oder etwas Schwarzes gesehen zu haben: ein Wal, das wäre ein Traum! Doch meine Einbildung spielte nur mit mir, obwohl ich wusste, dass es hier welche gibt: Tomy hatte am Tag zuvor ein Blas gesehen.

Und dann:

„Tomy, da ein Blas!“

Ich stand auf, um mehr zu sehen – Ein Buckelwal, ein wenig größer als unser Schiff, sprang gut 100 m seitlich von uns aus dem Wasser, drehte uns den Bauch zu, und platschte wieder hinein. Er zeigte uns noch ein paar Mal seine Flipper und sein Blas, genug für ein Beweisfoto.

Baleia! Unser erster Wal! Atemberaubend!

Buckelwal

Buckelwal

Schon damals, als wir noch hier wohnten, fuhren wir raus zu einer Walbeobachtungstour. Die Buckelwale, Baleias auf portugiesisch, kommen in den südlichen Wintermonaten vor die Küste Bahias, um hier ihre Jungen zu bekommen. Ende der 80er Jahre waren sie fast ausgerottet, heute soll es wieder um die 9000 geben. In Praia do Forte, nördlich von Salvador, ist eine Beobachtungsstation, wo man auch Touren buchen kann. Wir sahen damals keine: Es war Anfang November, die Wale waren schon nach Süden gezogen: Den südlichen Sommer verbringen sie in den antarktischen Gewässern.

An Barra Grande und wunderschönen Stränden vorbei fuhren wir in die Bucht von Camamu. Hübsche Barracas und Häuser säumen das Ufer, wechseln sich ab, mit langen einsamen Sandstränden. Vor den Siedlungen liegen hölzerne Stege, Lanchas, kleine Fischerboote, Einbäume, auch ein paar modernere Taxiboote. Doch hier ist alles langsam und gemütlich – hier überrollt uns kein Speedboot. Hier will niemand noch schnell zur Fähre oder zur Party.

Camamu 1 (11)

Wir ankern zwischen den Mangroven der Ilha do Goió und Saphinjo auf der Ilha do Campinho. Tomy rudert uns noch für ein Sundowner Bier zur kleinen Bar auf der Insel: Vor uns der Fluss, Palmen, Fischerboote, rechts ein paar Häuser und einfach nur ruhiges Sein. Ein Paradies. Hier bleiben. Am liebsten wochenlang.

Camamu 1 (18)

Braucht der Mensch denn mehr? Frisches Wasser, Strom, ein Dach übern Kopf, eine Hose, ein Hemd, Fische und Kokosnüsse.

Ja, ich weiß, wir brauchen mehr. Wir wollen wissen, was hinter der Biegung des Flusses liegt. Internet vielleicht. Morgen.

Mein Körper sagt mir um 7 Uhr abends: Es ist warm und seit einer Stunde dunkel: Es ist mindestens 11 Uhr nachts, Zeit schlafen zu gehen…

Camamu 1 (21)

13. Oktober 2015
von Steffi
3 Kommentare

Einmal München – Antalya, bitte

Das Buch „Gewittersegeln“ hatte mir so gut gefallen, dass diesmal ich Susanne Guidera vom Verlag Millemari. fragte, ob ich eine Rezension von „Einmal München – Antalya, bitte“ von Thomas Käsbohrer schreiben sollte. Wieder dauerte es etwas länger, bis ich endlich die Muße dazu fand.

Autor und Buch

Nachdem Thomas Käsbohrer seinen Job verloren hat, erfüllt er sich seinen Traum und segelt ein halbes Jahr lang einhand auf den alten Handelsrouten des Mittelmeeres von Slowenien in die Türkei.

Meine Erwartung

Wer ein Buch kauft, erwartet sich etwas vom Lesen: Unterhaltung zum Beispiel, einen Wissenszuwachs oder auch eine veränderte, hilfreichere Perspektive beim Blick aufs eigene Leben. Ich wusste, dass der Autor, seinen Job verloren hatte und nun die Gelegenheit nutze, um sich seinen Traum zu erfüllen. Meine Erwartung war daher, neben Land, Leuten und Segelabenteuern auch an seinem inneren Wachstum oder der – vermuteten – Veränderung seines Blickes auf sein Leben teilnehmen zu können. Ich hoffte auf Reflexion angesichts der Natur und des Erlebten. Letztere Erwartung wurde im ersten Kapitel durchaus noch verstärkt, dann enttäuscht, und das machte es mir anfangs schwer, mich in das Buch einzulesen. Auch ging mir zu Beginn die gefühlte 100fache Wiederholung des groß geschriebenen Schiffsnamens LEVJE ziemlich auf den Wecker.

Ich glaube, hätte ich nicht ein Versprechen gegeben, so hätte ich das Buch nach wenigen Seiten weggelegt. So aber las ich weiter.

Und wurde belohnt: Inhalt

Zuerst lag das an Venedig, dann an den Menschen. Da meine Freundin in Venedig wohnt, konnten wir letztes Jahr vor dem Start unserer eigenen Reise, fast eine ganze Woche in dieser Stadt verbringen. So nahm Thomas Käsbohrer mich mit in meine Erinnerungen, an Plätze, die der Durchschnittstourist nicht kennt, in die wir uns dennoch verliebten. Und genau das macht auch den größten Zauber des Buches aus: Die Orte, von denen er erzählt, sind selten die, in die alle Welt reist. Doch oft sind sie Zeugen von vergangener Größe, von den Dauniern, den Vogelmenschen zum Beispiel, von denen wir fast nichts wissen, von den Venezianern und den Römern. Immer wieder nimmt Thomas Käsbohrer den Leser mit in die Geschichte – er ist vom Fach. Er schafft es, vergessenen Orten Erinnerung einzuhauchen.

Millemari.

Foto:. Millemari.

Und er lässt Geschichte leben, indem er Geschichten erzählt, vor allen Dingen von den Menschen am Meer, von einem Leben, das oft hart, aber nie sinnlos ist. Immer ruhig, gegenwärtig. Er beherrscht die Kunst, langsam zu reisen und zu erzählen. Er schafft es, die Zeit still stehen zu lassen, die gegenwärtige Größe einzufangen, wenn er von Slobo mit der Poliermaschine, der Ausbildung der Gondolieri, dem einsamen Seemann, der in aller Ruhe ein Holzboot repariert, von Fischern und Verkäufern, von segelnden Katzen, Mönchen in Griechenland, einer hoffnungsschwangeren jungen Türkin und vielen anderen Menschen schreibt.

Eines ist dieses Buch jedoch nicht: Ein Buch vom Segeln. Sicher, vier, fünf Kapitel sind auch dem Segeln gewidmet, doch wer ein typisches Segelbuch erwartet wird eher enttäuscht sein.

Zu guter Letzt erzählt er doch noch ein wenig von sich, von seiner Angst und von dem was diese Auszeit mit ihm gemacht hat. Davon, welche Chancen eine lange Segelreise, eröffnet: Das Wichtigste zu finden – was das für ihn ist, müsst ihr schon selbst herausfinden!

Millemari.

Foto: Millemari.

Multimedia

Das Buch ist in der PDF-Version lesetechnisch gut durchdacht, und optisch ansprechend gestaltet. Wie das erste Buch, das ich aus dem Verlag Millemari. las, beeindruckt es durch seine Fotos und „Verlinkungen“:

Fotos und Text halten sich die Waage, so ist es gleichzeitig ein Fotobuch und ein Lesebuch. Die Fotos, oft über eine halbe oder ganze Seite, zeigen das Meer, oft die Menschen oder Orte der Erzählungen. Historisches ist auch dabei. Sie haschen nicht nach Applaus, sie erzählen unaufdringlich ihre eigene Geschichte: Die vom unendlichen Blau des Meeres, von seinen Küsten, der Arbeit der Menschen am Meer, vom Glauben und vom Seinlassen.

Wieder sind es diese Fotos, die ich gerne in Print gesehen hätte, auch wenn sie m Bildschirm schöner leuchten mögen. Da bin ich einfach altmodisch!

Von den Videos sind die URLs angegeben, und da bin ich jetzt im Zwiespalt: Diesen Artikel endlich veröffentlichen oder warten, bis ich wieder so gutes Internet habe und mir die Filme ansehen kann? Ich warte: Die Videos sind eine abwechslungsreiche Ergänzung, nicht zu lang. Vermissen würde ich persönlich sie allerdings nicht.

Der Wermutstropfen

Leider wird der Lesefluss durch eine irritierende Interpunktion (z.B. Doppelpunkt vor dass), mir fremder Schreibweise von Fremdwörtern (z.B. Quvarner für Kvarner), Hinweisen auf Fotos oder Videos, wechselnde Zeiten sowie Nichtvorstellen von gelegentlichen Mitreisenden (wenn sie das denn waren) unterbrochen. Auch die Themen – Segeln, Menschen, Orte, Dinge, Geschichte, Reflexion – sind nicht homogen. Mir kommt vor, Herr Käsbohrer hat seine liebsten Blogartikel einfach zu einem Buch zusammengestellt. Leider macht ein guter Blog nicht zwangsläufig ein gutes Buch: Ohne Überarbeitung wird das einfach nicht rund.

Auch wenn Sonne und Mond rund sind, lieben wir doch auch das zackige Funkeln der Sterne!

Fazit

Gerade jetzt, da ich das Buch abschließend durchblättere, erliege ich diesem Funkeln: Was auch immer mich beim Lesen störte: Ich mag Thomas Käsbohrers Erzählungen vom Leben am Meer. Es wohnt ihnen eine stille Liebe zum Leben inne. Und das macht dieses Buch so lesenswert.

Ausgaben:

Cover Millemari.

Cover: Millemari.

Einmal München – Antalya, bitte.
Von der Kunst, langsam zu reisen
322 Seiten, eBook in allen Formaten 9,99 €
322 Seiten Buch, 24,99 €
978-3-946014-27-0
Verlag Millemari. www.millemari.de (Werbung)

Wer „Meer“ haben will: In seinem Blog www.marepiu.blogspot.de gibt Thomas Käsbohrer der vergangenen und gegenwärtigen Geschichte im Mittelmeer Gesichter. Werbung für sein Buch und den dazugehörigen Film macht er auch.

12. Oktober 2015
von Steffi
Keine Kommentare

Wie wir fast das Schiff abfackeln

Erst hole ich mir einen Sonnenbrand, weil ich beim Kranen des Schiffes zu lange in der Sonne stehe, dann schmiere ich mir Chili auf den kleinen Finger und kann die halbe Nacht nicht schlafen. Und weil es immer dreimal brennt, fackeln wir auch noch fast das Schiff ab.

Das Gute daran ist, dass wir somit die „Aller guten Dinge sind drei“ hinter uns haben: Der Motor müsste jetzt wieder gekühlt bleiben.

Gut ist auch, dass wir an Bord waren und Tomy gerade Werkzeug wegräumen wollte. Welches er fallen ließ.

Mit einem „Verdammt“ stürmte er hinaus, um den Stecker aus der Steckdose zu ziehen: Eine der Batterien kochte. Die ist also hin. Kaputt.

Also brauchen wir vier neue. Die erstens nicht vorrätig, zweitens nicht billig sind. Was unsere Pläne etwas durcheinander bringt. Aber gut, wenigstens ist das Weihnachtsgeschenk für Tomy schon mal erledigt…

Wir wollten ja auch noch gar nicht weiter, denn Leentje feierte ihren 50. Geburtstag. Wir begannen den Abend bei der Jam Session im Solar d’Uniao, gleich neben der Bahia Marina gelegen: Sonnenuntergang mit Blick auf die Bucht und gute Musik! Kann es uns besser gehen? Nach dem Abendessen im DAS in der Bahia Marina waren wir auch noch rundum lecker satt (und ein wenig betrunken)! Danke, Leenje und Patrick, für den schönen Abend!

Solar (3)

Da am Montag der Tag des Kindes und somit Feiertag ist, wollten wir am Sonntag nicht nach Itaparica – es wird voll und laut sein. Wir erkundeten lieber die Graffitis beim Ferry Terminal, die im Frühling anlässlich des Stadtjubiläums entstanden.