1. November 2015
von Steffi
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Wo Feen, Kühe und Geschichten wohnen

„Itamarati?“

Ungläubig blickt der Busfahrer, der unsere Fahrscheine kontrolliert, Tomy an. Was will dieser Gringo in diesem Nest inmitten der ehemaligen Kakaofazendas im Hinterland von Ilheus?

Itamarati

Itamarati

Nun, so genau weiß ich das auch nicht. Es könnte allerdings sein, dass er seine Frau – also mich – glücklich sehen will, und ich will eben unbedingt auf die Fazenda meiner Freundin Monika. Aber so stimmt das jetzt auch wieder nicht denn erstens ist er auch neugierig aufs Landleben und zweitens gehört die Fazenda nicht Monika, sondern ihrem… sagen wir: zukünftigen Mann Ricardo.

Die Häuschen der Fazenda

Die Häuschen der Fazenda

58 Real pro Person kostet die Reise in einem modernen, klimatisierten Bus über die BR 101, die Salvador mit Rio verbindet. Eine ganz normale Landstraße ist das, auf der Lastwägen die Container von Hamburg Süd, Vieh und Bananen befördern, Autos und Motorräder fahren. Wir fahren an Weiden, Bananen- und Orangenplantagen und schließlich an Regenwald vorbei. Ganz schön hügelig ist es hier! Vor keinem der fünf oder sechs Ortschaften die unterwegs groß genug sind, damit der Bus anhält, verrät uns ein Schild, wo wir sind. Itamarati, Ibirapitanga, Ibirataia, Ubaitaba oder Ubatã? Auch wenn diese Ort nicht alle auf der Strecke liegen, so doch um die Fazenda herum. Manche Orte haben einen beschrifteten Rodoviária, einen Busbahnhof, in anderen bleibt der Bus einfach an der Tankstelle stehen. Wir wissen nur, dass wir gegen vier Uhr, nach sechs Stunden Fahrt, aussteigen müssen.

Tomatinho

Tomatinho

Monika kommt uns schon fröhlich entgegengelaufen. Ich lernte sie vor fünfzehn Jahren kennen, als wir nach Salvador zogen und etwas Unterstützung brauchten. Ricardo ist noch in der Bäckerei, wir holen ihn ab und steigen ins Auto. Es ist rot, ein Fiat, Tomatinho, kleine Tomate, mit Namen. Die Fenster sind offen, vielleicht weil sie nicht zugehen, vielleicht, weil sich die Türen nur von innen öffnen lassen, vielleicht einfach nur weil es warm ist. Die Fahrertür springt unterwegs immer wieder auf, Ricardo reißt sie energisch zu. Wenn er aussteigen will, lässt sich die Türe nicht von innen öffnen. Das Auto klapprig zu nennen, wäre völlig untertrieben. Doch hat es genau die richtige Straßenlage für die holprigen und steilen Lehmpisten, die zur und durch die Fazenda führen. Ein Jeep wäre natürlich ideal, aber solange, bis die Fazenda wieder Geld einbringt, erfüllt es seinen Zweck.

Die Piste zur Fazenda

Die Piste zur Fazenda

Auf der Fahrt erfahren wir, dass das, was wir für Reste des Regenwaldes hielten, zum großen Teil Kakaowald ist: Der Kakaostrauch wächst im Schatten der mächtigen Bäume, manchmal auch im Schatten von Bananen. Ricardos Familie gehörte zu den legendären Kakaobaronen rund um Ilheus. Er und seine Brüder reisten nach Europa, der eine oder andere studierte, doch dann kam der Hexenbesen genannte Virus und zerstörte die Einkommensquelle. Auch konnte Kakao jetzt in Indonesien und Malaysia preiswerter hergestellt werden. Der Rest des Familienvermögens ging an das schwarze Schaf der Familie. Die Fazenda verfiel, wie so viele andere. Ricardo wurde Polizeichef, später Fremdenführer. Was immer schwieriger wurde.

Kakaofrucht

Kakaofrucht

Monika wurde in Deutschland geboren und kam mit ihren Eltern nach Brasilien, als sie zwölf Jahre alt war. Sie wuchs in Rio auf, und folgte mit 18 das erste Mal der Liebe und bekam ihr erstes Kind. Von da an leitete sie ihr Herz, wobei sie vielleicht manchmal höchst unvernünftig handelte, doch nie verlor sie den Verstand soweit, dass sie ihre finanzielle Unabhängigkeit aufgegeben hätte. Sie arbeitete bei großen deutschen und internationalen Konzernen und im Tourismus, hatte gute Jobs, ohne Ausbildung, nur mit guten Sprachkenntnissen, Selbstvertrauen und Köpfchen. Drei Kinder von drei Vätern hat sie, und viele Geschichten von der Liebe, ihrer Süße und ihrer Bitterkeit, von Betrug, Leidenschaft und Rache.

Immer wieder schlägt sie die Hände lachend vor dem Gesicht zusammen und schüttelt den Kopf: „Soll ich das wirklich alles aufschreiben?“ fragt sie?

„Die Geschichten der Moni Sol“ sinniere ich laut und denke an Isabelle Allendes Geschichten der Eva Luna.

Eine Raupe - schön aber gefährlich wie eine Qualle

Eine Raupe – schön aber gefährlich wie eine Qualle

Nun ja, Monika verlor den Job, und da kam die Idee von Ricardos Bruder, die Fazenda wieder zu revitalisieren gerade recht. Urucum, einen natürlichen Farbstoff für die Kosmetik- und Nahrungsmittelindustrie, bauen sie jetzt an. Es dauert eine Weile, vier, fünf Jahre bis die Pflanzen, auf deutsch Anottastruach oder Lippenstiftbaum genannt, genug abwerfen, um die Investitionen wieder ein zu bringen. Soweit sind sie noch nicht.

Auch mussten erst die vernachlässigten Häuser der ehemaligen Arbeiter wieder hergerichtet werden. Monika putzte und strich die alten Wände und die Fensterläden bunt, ließ die Dachziegel säubern, legte einen Garten an, hängte bunte Tücher als Vorhänge auf, verzierte den Eingang und alte Möbel mit Wandmalereien und Mosaik.

Monikas Häuschen

Monikas Häuschen

Täglich geht sie durch die Pflanzungen, macht Fotos und dokumentiert das Wachstum der Ururcum-Sträucher. Unterwegs findet sie Hölzer und Steine, aus denen sie hübsche Feenhäuser bastelt. Oder Windspiele und Traumfänger.

Ein Feenhäuschen

Ein Feenhäuschen

Ihr Traum ist ein Häuschen mit Veranda oben auf dem Berg, dort wo man das Tal und die Fazenda überblickt. Und vielleicht ein paar Häuschen vermieten, Führungen durch die Plantagen anbieten, für Menschen die das einfache Leben in der Natur mögen. Oder Fische in den Teichen und Wasserbüffel in den Sümpfen züchten.

Monikas Traum

Monikas Traum

Einfach ist das Leben hier. Immer noch. Es gibt Strom – meistens, Fernsehen und Internet, auch Wasser. Das Trinkwasser kommt aus der Quelle. Die Dusche ist aus gemauerten Stein, alt und bröselig, das Wasser kalt. Die Toilette wird mit Wasser aus dem Eimer gespült, wenn es regnet werden Töpfe auf dem Fußboden im Haus verteilt. Die Fenster haben kein Glas, ist auch nicht nötig, ist ja warm. Wir schlafen gut auf einer harten Pritsche, mich stört das nicht, Rückenschmerzen bekomme ich nur in zu weichen Betten. Es gibt ja auch Betten mit dicken Matratzen, aber da müssten wir getrennt schlafen und das mag ich gar nicht.

Unser Bett

Unser Bett

Das Gästehaus

Das Gästehaus

Geweckt werden wir vom Krähen des Hahnes und den Vögeln, die jetzt im Frühling besonders eifrig schnattern.

Unser Wecker

Unser Wecker

Es sind keine Singvögel wie bei uns, trotzdem ist das schön. Tagsüber flattern die Kolibris die Blumen küssend um uns herum, nachts die Fledermäuse über unser Bett.

Beija-Flor, Küss-die-Blume oder Kolibri

Beija-Flor, Küss-die-Blume oder Kolibri

Hie und da muss man einen dicken Frosch aus dem Badezimmer kehren.

Wer mag ihn küssen?

Wer mag ihn küssen?

Gegenüber weiden die Kühe, manchmal traben Pferde vorbei. Fazenda Ita (31)Abends geht der Vollmond über dem Hügel vor der Küche auf. Der Sternenhimmel ist ehrfurchtserregend. Die Grillen zirpen schrill und kreischend, die kleine schwarze Katze verkriecht sich in Monikas Schoß. Millie, die Pittbullmischlingsdame, folgt ihr auf Schritt und Tritt.

Pretinha, die kleine Schwarze

Pretinha, die kleine Schwarze

Millie

Millie

Ich bringe Monika nähen bei, sie kocht fürstlich für uns. Und unterhält uns mit ihren Geschichten…

Uns gefällt es hier!

Und Monika, die schicke, blonde Carioca auf Stöckelschuhen, ist in ihren Gummistiefeln auch angekommen. Sie hat die Liebe endlich gefunden.

Fazenda Ita (8)

Hast du Lust aufs Landleben in Bahia? Melde dich bei mir unter Kontakt und ich schicke dir Monikas Email-Adresse. Sie wird übrigens demnächst eine gute Matratze für das Bett im Gästehaus kaufen!

 

29. Oktober 2015
von Steffi
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Als wir den Segelverstand an Land ließen

Ihr kennt doch sicher den wichtigsten Ausrüstungsgegenstand an Bord?

Genau: Der Verstand, in seglerischen Kreisen auch gerne Seemannschaft genannt.

Ich weiß nicht genau wie es passiert ist, vielleicht einfach durch Ungeduld, jedenfalls haben wir ihn oder sie vor dem letzten Segeltörn nach Camamu irgendwo an Land vergessen. Also liebe Hafenkinokommentierer: Hiermit werfe ich uns euch zum Fraß vor!

Erster Bissen: Am Achterliek unseres Vorsegels war bei unserer Abfahrt die Naht an einer kleinen Stelle aufgegangen. Wir hätten sie ja wenigstens kleben können.

Zweiter Bissen: Die Tankstelle im Centro Nautico hatte keinen Diesel, also fuhren wir mit etwas mehr als halbem Tank los.

Dritter Bissen: Natürlich auch ohne gefüllte Reservekanister.

Vierter Bissen: Wir hätten auch in Camamu unsere Kanister auffüllen können. Hätten!

Fünter Bissen: In Unwissenheit hatten wir normales Gasolina Commun für unseren Außenbordmotor verwendet, damit läuft er aber nicht lange. Er braucht Gasolina Aditativa.

Sechster Bissen: Tomy dachte, nein rechnete, Ostwind aus 100°passt, um nach Nordosten zu kommen. Nur, so hoch am Wind läuft YEMANJA nicht.

Siebenter Bissen: Ich hätte beinahe einen Wal überfahren…

Es sprach allerdings auch einiges für uns: Wir hatten noch Bargeld, was nicht selbstverständlich ist, da die Banken streiken und die Bankomaten nicht regelmäßig nachgefüllt werden. Wir hatten Nahrung und Wasser und die alte Genua. Außerdem schnurrt der Motor wieder gut. Auch die Wellen waren meist moderat. Wir hatten einen Track zum Ankerplatz in Morro de São Paulo. Und letztendlich hätten wir immer noch umdrehen und alle Probleme in der Bucht von Camamau lösen können.

Und wie meine mittlere Tochter so schön sagt: „Mama, wenn du in Schwierigkeiten kommst, dann findest du sicher etwas, wozu es gut ist, du findest eine Perle!

Wir verließen den Ankerplatz vor Saphinho um 5:30, da dachten wir noch, wir könnten Salvador spät abends erreichen. Nun ja. Der Wind blies uns auf die Nase, wir kreuzten ein wenig, dann riss die Naht endgültig auf und der Streifen der Einfassung verhedderte sich am Radarreflektor. Gut, wir bekamen ihn leicht lose, doch damit war es aus mit Kreuzen. Mit Motor und leichter Unterstützung durch das Großsegel konnten wir so hoch an den Wind, dass wir nach Morro de São Paulo abdrehen konnten. Denn an einen Segelwechsel auf See war nicht zu denken – da wären Stagreiter besser! Hamm ma aber nicht. Und genug Diesel um nach Salvador zu kommen, auch nicht.

Irgendwann auf halben Weg blieb mir das Herz kurz stehen: Eine Bootslänge vor mir tauchte ein Wal auf! Der hat sich wohl so erschrocken wie ich, denn weg war er. Etwas später kam uns nochmal einer entgegen, schraubte sich 50 m seitlich von uns aus dem Wasser und platsch weg war er! Dass sich diese Schiffsbeobachter auch nicht an die Empfehlung halten und sich Booten auf weniger als 150 m nähern!

Um neun Uhr abends waren wir dann in Morro, an dem rolligen Ankerplatz. Doch Wind und Welle beruhigten sich, so konnten wir am nächsten Morgen um halb sieben die Genua wechseln. Danach versuchten wir ein Taxiboot anzuhalten, das war aber sinnlos. Also ruderte Tomy mich und die Reservekanister gegen Wind und Welle an den Pier. Ich nahm das Lancha Rapida, das schnelle Taxiboot, nach Atacadouro auf dem Festland. Dort sollte es eine Tankstelle geben…

Atacadouro war dann wirklich eine harte Attacke auf mein Weltbild – und gleichzeitig meine Perle, mein Abenteuer: Diese Tankstelle muss frau erlebt haben!

Über diesen hohlen Steg muss sie gehen...

Über diesen hohlen Steg muss sie gehen…

Tankstelle in Atacadoura

Tankstelle am Ende des Holzpiers unterm Sonnenschirm in Atacadoura mit Lancha traditional

Nichts als ein wackeliger, hölzerner Pier auf dem vorne eine Tanksäule hoch über dem Wasser thront.

In der kompletten Pampa. Na gut, da war noch eine Anlegestelle für die Boote, die die Touristen an Land bringen, ein Kiosk, ein Sonnenhutverkäufer und eine kaputte Tanksäule für Autos. Und Sand. Jede Menge Sand.

Die Tankstelle an Land

Die Tankstelle an Land

Der Tankwart füllte meine Kanister, brachte sie auf das Lancha traditional, das langsame Boot mit dem ich entlang an traumhaften Stränden zurückfuhr.

Atacadoura (1) Atacadoura (17)

Ich fragte den Kapitän, ob er mich am Schiff rauslassen kann: Er manövrierte sein Lancha an YEMANJA, hievte die Kanister rüber, ich sprang – ich glaube die Landratten an Bord, die ängstlich und unsicher auf das große Lancha gestiegen waren, hatten danach alle einen Schock!

Somit waren wir wieder gut gerüstet für die nächsten 35 Meilen gegen den Wind. Nach 13 Stunden, 57 Meilen und einiges an Perlen und Erfahrungen reicher waren wir um Mitternacht wieder in Salvador!

 

Seid ihr satt geworden? Lasst es uns in den Kommentaren wissen! Danke!

 

 

22. Oktober 2015
von Steffi
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Camamu – Heimatgefühle

Camamu – vom Wasser aus gesehen muss ich mir nur die Palmen wegdenken, dann könnte ich mir einbilden, es wäre eine Stadt in der Wachau, so wie Dürnstein, eine barocke Kirche oben am Berg, kleine Häuschen unten am Wasser, sanfte Berge dahinter. Einer sieht fast aus, wie der Anninger, Badens Hausberg.

Vale a pena! Der Blick war die Reise und das frühe Aufstehen wert!

Camamu Stadt (8)

Oder doch ein Hauch von Rovinj?

Pünktlich um 6:30 holten João und sein Bruder, die beiden Albinos von der Moquecaria in Saphinho, uns am Schiff ab. In ihrem Lastenkahn ging es quer durch die Bucht nach Camamu. Den Weg muss man kennen, denn die Bucht ist flach, wenn auch vorbildlich mit Seezeichen bestückt: Ein Palmwedel links, einer recht im Wasser, fertig ist das Fahrwasser. Auch die Einfahrt in den Kanal nach Camamu würden wir in den Mangroven nie finden – allerdings muss man morgens früh nur den anderen Schiffen folgen. Das aber genau: Die Einfahrt ist seit ein paar hundert Jahren mit Steinen bestückt, um die Stadt vor Überfällen zu schützen. So heißt es Slalom fahren.

João zwängte seinen Lastenkahn in eine kleine Lücke am Pier und lief los, um einzukaufen. Denn vom Land aus ist Camamu vor allem eines: Ein geschäftiger Umschlagplatz für Waren aller Art. Hierher werden Mensch und Waren mit dem LKW gebracht und per Schiff in der Bucht verteilt. Hier kommen die Touristen an, die nach Barra Grande wollen, hier gibt es Fische, Caranguejos – Krebse, Möbel, Fernseher, Kleidung, Motoren, Apotheken und Drogerien, Fleisch, Obst und Gemüse, Eis, Spielzeug und Haushaltswaren. Mit einem Wort alles, nur keine Nagelbürsten.

Und keinen Stoff und keine Nähmaschinen, aber gut, damit muss frau halt leben. Also mit schlammigen Fingernägeln und ohne Stoff.

Wir gingen erst hinauf ins historische Zentrum, das von See mehr verspricht, als es ist. Doch die Kirche überraschte innen durch leichtes blau-weiß. Von dort ging es über den Aussichtspunkt wieder hinunter ins Geschäftsviertel. Wir schlenderten durch den Fisch- und Kunsthandwerksmarkt, kauften Saft im Supermarkt, machten ein paar Fotos – viel zu viele – und spazierten wieder zurück zum Pier.

Neben Bier, Wasser, Fischen, Gemüse und Wein luden wir noch einen vierflammigen Gasherd und ein paar Blöcke Eis. Jetzt weiß ich, warum diese Kähne so tief sind!

Am Rückweg fuhren wir an der Ilha Grande vorbei, bei Flut geht das. Hübsch ist es hier!

Camamu Stadt (27)

Abends fuhren wir noch mal rüber nach Saphinho, die Bar war zu, doch das Internet lief. Und dann kam doch noch einer der Brüder vorbei, brachte uns Bier und öffnete den Laden für uns. Wir bekamen sogar etwas zu essen: Kibe und Coxinhas, braucht der Mensch mehr?

Gerne würden wir bleiben und mehr erkunden, die Werft links vor Camamu, Barra Grande, Taipu na Fora… Außerdem gefällt uns diese Mischung aus einsamer Tropeninsel und etwas Infrastruktur sehr. Doch wir haben noch andere tolle Pläne und müssen zurück nach Salvador.

Quatsch, wir müssen gar nix – wir wollen, weil… werdet ihr schon lesen!

INFO Camamu

Von Saphinho aus gehen morgens früh zwei oder drei Lanchas nach Camamu. Einfach in den Restaurants fragen. Ohne Portugiesisch geht allerdings nichts. Man kann auch von Maraú aus zeitig in der Früh mit dem Bus fahren, allerdings versäumt man dann das Schönste: Den Blick auf Camamau vom Wasser aus. Demnächst noch mehr als PDF!

Woran erinnert dich Camamu? Bitte schreibe darüber einen Kommentar! Danke!

20. Oktober 2015
von Steffi
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Praia de Algodões

Strand ist, wo die Wellen des Atlantiks Bahias Land ununterbrochen – mal wild und fordernd, mal sanft und zärtlich – zum Spielen auffordern. Sand ist dort, ein paar Riffe, bei Ebbe Becken zum Baden, Wellen zum Surfen, manchmal ein Ort oder eine Stadt, manchmal ein paar Barracas und kilometerlange Einsamkeit. Nur eines ist dort praktisch nicht: Ein sicherer Ankerplatz, der es der segelnden Besatzung erlaubte, sich den Freuden des Strandlebens hinzugeben, mit den heranrollenden Wellen zu ringen, stundenlang am einsamen Strand spazieren zu gehen oder in einer Strandbar Bahias Gaumenfreuden zu kosten.

Camamu Ratos Strand (52)

Und doch gibt es einen solchen Platz: Hinter der dritten Ratteninsel in der Buch von Camamu. Also im Fluss Maraú, wo keine Wellen und kaum Wind hinkommen. Ein kleines Abenteuer ist der Weg zum Meer dann doch noch.

Die Crew der SIMARIL, Blanca und wir verlassen den Ankerplatz vor Blancas Heim gegen acht Uhr morgens, um zwischen der kleinsten Ilha dos Ratos und den Mangroven zu ankern. Dort steigen wir ins Dinghi um und rudern in den kleinen Seitenarm des Maraú. Davon gehen wieder zwei Seitenarme ab, wobei der erste kaum zu erkennen ist. Ohne Blanca hätten wir den zweiten als ersten gezählt und somit die Einfahrt lange gesucht. Wir binden die Dinghis bei den Überresten eines alten Piers fest und stapfen durch das Wasser über die Wurzeln der Mangroven durch den Sumpf an Land. Von dort führen Fußstapfen durch die Mangroven und drei Sandfelder zu bewirtschafteten Land. Zwei Familien leben dort, unter einfachsten, aber nicht unbedingt armen Bedingungen: Es reicht für ein Auto und hübsche Kleidung fürs Baby.

Wir lassen die Ruder bei Judácios Familie im zweiten Haus. Er kam aus einer der wenig fruchtbaren Gegenden Brasiliens, arbeitete erst bei der ersten Fazenda und legte nach und nach eine kleine Plantage hinter deren Land an. Die bewirtschaftet er schon seit über 10 Jahren, und wenn ich alles richtig verstanden habe, heißt das, dass das Land dann ihm gehört. Er baute ein Haus, verlor seine erste Frau, heiratete eine jüngere, wurde Vater einer süßen kleinen Tochter, baute und pflegte weiterhin. Wir schätzen ihn auf 60+ und liegen -20 Jahre daneben.

Hinter Judácios Land liegt die Staubpiste, die die abgelegenen Orte auf der Halbinsel mit dem Rest der Welt verbindet. Ihr folgen wir bis zum Abzweig zum Praia do Algodões. Nochmal nach links und schon blinkt das Meer durch rote Schirme und grüne Palmen sein Willkommen.

Vor uns liegt einer der schönsten Strände Bahias: einsam, mit relativ sanften Brechern, die kaum den Sand aufwirbeln. Wir können schon bald bis zum Grund sehen.

Camamu Ratos Strand (36)

Blanca führt uns zur Barraca eines Spaniers, der uns mit Tapas und Paella aus der Heimat verwöhnt. Später wandern wir am Strand entlang, Blanca sucht das Haus von Freunden. Diese heißen uns herzlich willkommen, der Hausherr freut sich, dass er mit seiner Cachaça Sammlung Patrick beeindrucken kann. Sein „Alcologio“ beeindruckt mich auch: Außerhalb eines Spirituosenladens habe ich noch nie so eine Auswahl von Hochprozentigem gesehen!

Blanca genießt offensichtlich die Gesellschaft, doch Tomy und ich haben die Uhr und den Sonnenstand im Blick, die Tide im Kopf: Wir müssen durch den Sumpf zu unserem Dinghi, dieses vermutlich noch ein paar Meter tragen – ich will das bei gutem Licht tun. Die Krebse fliehen vor mir, das weiß ich, doch zu oft bin ich schon bis zu den Knien im Sumpf versunken! Wenn ich sehe, wohin ich trete kann ich das vielleicht vermeiden.

Wir verabschieden uns, erreichen das Dinghi in der beginnenden Dämmerung. Langsam gleiten wir durch die Mangroven: Vor uns huschen Krebse lautlos, unberechenbar und blitzschnell, wie es Spinnen eben tun, davon. Manche sind kaum größer als eine Kreuzspinne, manche so größer als eine Vogelspinne. Es muss Millionen hier geben, ach quatsch, die Anzahl der Krebse in den Mangroven um uns herum muss die menschliche Weltbevölkerung bei weitem übersteigen!

Wir erreichen YEMANJA kurz nach Sonnenuntergang. Der Himmel belohnt den frühen Aufbruch mit einem tiefen Griff in die Farbtöpfe: Lila, rosa, orange, rot, in der Farbe der reifen Aprikosen hinterlässt die Sonne den Himmel hinter SIMARIL.

Kann ich diesem Himmel Worte hinzufügen?

Camamu Ratos Strand (1)

 

INFO: Ankerplatz hinter der 3. Ilha dos Ratos (weit drum herum fahren) oder vor dem Seitenarm. Wegbeschreibung zum Strand demnächst unter Infos, Downloads oder in der Sidebar.

19. Oktober 2015
von Steffi
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Marau

Der Weg nach Tremembé ist Tomy dann doch zu riskant. Nicht wegen der Felsen im Wasser, Wegpunkte darum herum gibt es, sondern weil es sich nicht auszahlt: Tomy findet jeden Wasserfall, der kleiner ist als Iguaçu, doof. Jens ist auch nicht überzeugt. Das ist ein wenig schade, denn Iguaçu ist nicht zu toppen und ich würde gerne mal in einem Wasserfall baden. Also in einem kleinen. Tremembé wird es jedoch nicht sein, denn Wassertaxis dahin gibt es von Maraú aus nicht.

Dabei ist erstaunlich viel Infrastruktur hier: kleine Supermärkte, Obstläden, einen Baumarkt, einen für Futtermittel und Landwirtschaft, Geschäfte mit Bekleidung und Spielzeug, Möbel, eine Bank, eine Lotterieannahmestelle, eine große Schule, drei, vier Kirchen, ein Taxi, ein paar Bars. Beeindruckend ist die große bemalte Treppe, die hinauf zur Kirche führt und wohl den Weg des Wassers vom Wasserfall bis zu den Walen darstellt.

Große bemalte Treppe von Marau

Große bemalte Treppe von Marau

Ich laufe durch den Ort, ich grüße, die Menschen lächeln freundlich zurück, sind hilfsbereit, ja sie scheinen sich über Besuch und Interesse zu freuen. Noch dazu wo diese Fremden portugiesisch sprechen. Das verbindet. Und doch baue ich gleichzeitig einen Zaun um mich oder auch um sie: Indem ich fotografiere, ziehe ich Gitterstäbe hoch. Ich will Geschichten einfangen, wie die von dem verlassenen Haus, den auslüftenden Stofftieren, dem schief geparkten Schulbus. Ich will schöne Bilder, Bilder, die durch Weglassen wirken, die vielleicht auch etwas lügen, den Ort hübscher machen, als er ist. Oder auch ärmer. Oh ja, mit Bildern lässt sich vortrefflich lügen, auch ganz ohne Photoshop. Manchmal genügt ein Schritt zur Seite, manchmal ein In-die-Hocke gehen, und der Müll oder die Ruine verschwindet.

Bus, Sofftiere, altes Haus, die Kirche von oben, das Kircherl

Dass ich die Kamera um den Hals hängen habe, macht mich nicht angreifbar, ausraubbar oder verletzlich. Ihr Gebrauch ist es. Vielleicht liegt es ja in mir: Wie würde ich mich fühlen, wenn ein Fremder meine Haustür, meinen Garten, die Straße, in der ich lebe fotografiere? Also mein tägliches Leben, nicht irgendeine Sehenswürdigkeit?

Ich kaufe wieder zu viele Früchte, zu viel Gemüse und bereite in meinem Kopf die Speisekarte aus: Indisches Gemüse, Gemüseeintopf mit Streusel überbacken, Ananansrisotto, Eier mit Speck, Salamicrackers, Kartoffelgulasch, Feijão, Krautsalat, Humus, Letscho? Nein, das eine schließt das andere nicht aus…

Am späten Nachmittag fahren wir nochmals rüber zu Jens und Blanca um uns zu verabschieden. Wir holen dazu erst Patrick und Leentje ab, denn deren Außenborder fürs Dinghi streikt.

Unserer jetzt auch.

Angeblich vertragen die europäischen Motoren das brasilianische Benzingemisch nicht: Es wird (heimlich) zu viel Ethanol zugesetzt. Nun heißt es auch für Tomy rudern…

2 OMP (two old man power) says Patrick

2 OMP (two old man power) says Patrick

Da lachte er noch...

Da lachte er noch…

INFO: Genauere Info zu Ankerplätzen etc. folgt demnächst. Zum Blog der Outer Rim über Camamu geht es hier.