19. Februar 2016
von Steffi
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Es gibt immer ein Erstes Mal…

Der obige Satz hat Tradition in unserer Familie, es ist unser geflügelter Satz.

Schuld daran ist mein Frauenarzt.

Ich war schwanger. Nein, nicht zum ersten Mal.

Ich war auch nicht zum ersten Mal beim Ultraschall. Allerdings beschrieb mir der Arzt jetzt so in der 5. oder 6. Woche zum ersten Mal mein Kind:

„Sehen Sie, hier ist das Köpfchen. Es ist ganz deutlich zu erkennen.“

Stimmt.

Er maß es aus.

„Ja, es ist gut entwickelt. Und hier schlägt schon das Herz.“

Das Pulsieren war deutlich zu erkennen.

Etwas schien den Arzt zu verwirren. Er rutschte weiter mit dem glitschigen Teil auf meinem Bauch herum. Klingt unanständig, so eine Ultraschalluntersuchung, ist es aber nicht.

Und auch ich war verwirrt: Wenn das da oben der Kopf war, was war dann DAS da unten?

„Gibt es in ihrer Familie Zwillinge?“

„Nein“

„Es gibt immer ein erstes Mal!“

Seitdem gab es noch viele weitere erste Male in meinem Leben. Relevant für unsere Segelreise waren:

Unser erster langer Auslandsaufenthalt in England, denn er lehrte uns loszulassen.
Unser erster langer Auslandsaufenthalt in Brasilien, denn er gab unserem Schiff den Namen und bestimmte sozusagen den Kurs.
Unser erster langer Auslandsaufenthalt in Russland zeigte uns, was uns wirklich wichtig ist.
Mein erster Segelschein.

Mein quasi erster Segelversuch

Mein quasi erster Segelversuch

Unser erstes Segelboot, eine Etap 21i mit Namen Jemanja.

Jemanja in Veli Rat

Jemanja in Veli Rat

Das erste Mal Großmutter werden, denn es verzögerte unsere Reise um ein Jahr.
Unser erstes Mal im Ärmelkanal, vor Zeebrügge, lehrte mich mit meiner Angst umzugehen.
Unsere erste Nachtfahrt über die Biskaya, machte Mut.
Die ersten Delfine.
Mein erster Kopfsprung.

JAAAAAAAAA!

JAAAAAAAAA!

Das erste Mal in Windstärke 9.
Die erste Atlantiküberquerung.

Und jetzt liegt wieder ein erstes Mal vor uns:

Das erste Mal mit dem Rucksack, zum ersten Mal einfach drauflos, nach Bolivien, zum ersten Mal in diesem Land.

Die Crew der Yemanja backpacking in Bolivien.

Morgen geht es los. Ich werde euch davon erzählen. Demnächst hier auf diesem Blog. Und auf Facebook unter SailingWithYemanja. Oder unter sy_yemanja auf  Instagram

Huch – da war doch noch ein erstes Mal, letztes Jahr – mein erster Joint! Echt! Der allererste!

Ein paar Jahre später haben wir dann die ersten Zwillingseinhörner

Die ersten Zwillingseinhörner in der Familie – das liegt am Karneval, nicht am Joint!

Weitere „Erste Male“ findet ihr bei der Blogparade von Karin unter sweetsixty.de

17. Februar 2016
von Steffi
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Ein paar Gründe, um Bahia zu lieben

Ein vielleicht fünfjähriger Junge in Badehose und Flipflops geht mit seinen Eltern an der Bar vorbei, vor der wir sitzen. Eine Art weiße Duschhaube mit einem roten Federchen vorne drauf identifiziert ihn als Aladdin. In Salvadors Karneval verkleiden sich die Kinder.
Vor dem Wirt bleibt er stehen, offensichtlich kennen sie sich. Der Wirt wünscht sich ein Auto…
Am nächsten Tag ist das Kind als Superman verkleidet.

In Ribeira

Unser brasilianisches Alter Ego vor türkiser Wand – dort sitzen oft wir.

Wir sitzen in einer kleinen Gasse in Ribeira, dort, wo die Einheimischen ihr Bier trinken. Straßenhunde suchen ihr Futterglück. Ein Pärchen setzt wechselt sofort auf seinen Stammplatz unter dem Straßenschild „Rua Clovis de Almeida Maia“, als er frei wird.. Ein, zwei Bars weiter tanzt eine zwergwüchsige Frau, Bierdose in der Hand. Ihr Kittel ist alt, braun, mehr als ihn hat sie wohl kaum zum Anziehen. Doch vom Tanzen kann sie nichts abhalten.

Tanz in Ribeira

Ein Vater sitzt auf einem Surfbrett, vielleicht ist es ja auch ein spezielles Stehpaddelbrett. Neben ihm schwimmt sein Sohn, hält sich immer wieder fest, wird von seinem Vater immer liebevoll korrigiert und ermuntert weiter zu schwimmen. Schwimmunterricht vor Itaparica.

Schwimmunterricht

Schwimmunterricht

Ein paar Tage später sind wir wieder in der Bar da Maria, hinter dem Restaurant Tijupa. Heute tanzt nicht die Zwergin, heute probt ein kleines Mädchen den richtigen Hüftschwung und den dramatischen Schlussakkord ihres zukünftigen Karnevalshits: In einer Hand hält sie ein imaginäres Mikrofon, die andere streckt sie theatralisch langsam von sich, der Kopf liegt im Nacken, die Augen geschlossen. Ist sie fünf? Oder sechs? Wie in jedem (kleinen) Mädchen steckt ein Superstar in ihr.

Ein Dosensammler hält den Bus an. Dieser stoppt mit den Hinterreifen genau vor dem Mann. Er wirft seine beiden großen, gefüllten Mülltüten unter dem Bus, vor die Räder. Der Bus rollt an, zerquetscht die Dosen – es ist wieder Platz in der Tüte für mehr.

In einer Seitengasse wäscht ein Mann sein Auto. Das Auto steht dicht am Haus auf dem Gehweg. Der Mann steht am Balkon oben drüber und spritzt mit dem Schlauch von oben das Auto ab.

Meine Freundin möchte die Hunde ausführen, ein kurze, schattige Runde, denn es ist schon sehr warm. Einkaufen will sie auch. Für beides nimmt sie erstmal das Auto.
„Ah, da ist mein Gemüsemann!“
Sie parkt unter einem großen Baum und inspiziert die Waren, die Benedito auf seinem Fahrrad anpreist: Alface Americano – Eissalat, Rucola, normaler Salat, getrocknete Garnelen und eine beachtliche Menge an Gewürzen führt er auf der kleinen Fläche mit.

Benedito und sein Fahrrad

Benedito und sein Fahrrad

Es sind Momente wie diese, die ich immer wieder beobachte, die mein Herz weit für die Menschen in Salvador und Umgebung öffnen. Ihr Lachen, ihr Strahlen, ihr Kampf ums tägliche Brot, die vertrauensvolle Hilfe, die Unkompliziertheit des Lebens und Leben lassen. Die Lebensfreude.

Oh ja, ich sehe den Müll auf den Straßen, die Junkies, jene, die kaum wissen, wie sie ihre Kinder satt kriegen sollen. Ich sehe die Gleichgültigkeit, das Abwenden vom Bedürftigen, die Behinderten, die Kluft zwischen arm und reich. Ich nehme Sexismus und Rassismus wahr. Ich lese von der Korruption, der Ungerechtigkeit, der Hilflosigkeit der Massen. Das Leben in Salvador ist nur für wenige einfach. Und selbst für die Superreichen ist es in vielen Bereichen nicht so leicht und unbeschwert wie es für den Durchschnittsbürger in Deutschland ist.

Aber die Menschen hier berühren mich mit ihren Schwächen und Unzulänglichkeiten; mit der Kreativität und Grandiosität mit der sie beides meistern.

Es sind die Menschen, denen wir unterwegs begegnen, die süchtig nach mehr machen. Dabei frage ich mich natürlich: Wieso gelingt es mir zu Hause nicht, so offen auf Menschen zu reagieren? Sicher, in Deutschland wird nicht ganz so viel öffentlich gelächelt, gesungen und getanzt. Doch die Schranke ist in mir:
Zu Hause kann ich die Menschen einordnen, auf Grund von Sprache oder Aussehen in Schubladen stecken: Tourist, Türke, Snob, Obdachloser, Assozialer, Neonazi, Quatschtante, Oma, genervte Mutter, Tussi … seltsam, positive Bilder sind selten dabei.
Dabei sind die Menschen zu Hause genauso großartig!
Doch etwas ist anders:
Fürchte ich mich davor, in eine Schublade gesteckt, bewertet und für nicht gut genug befunden zu werden? Komisch, dabei dachte ich, ich hätte das längst hinter mir gelassen! Die Kultur der Abgrenzung in Deutschland  trifft daheim auf ihr Gegenstück, wie ein Schlüssel ins Schloss.
Und so baue ich eine Art virtuellen Zaun um mein Herz.

Verrückt! Ob es mir gelingen wird, das zu ändern?

Wird es dir unterwegs gelingen? Erzähle mir von deinen Erfahrungen!

Mangue Secco - Dünentour

13. Februar 2016
von Steffi
4 Kommentare

Mangue Seco – auf Sand gebaut

Mangue Seco, ein Ort am Ende der Welt. Okay, am Ende Bahias. Am nördlichen. Einer, den Touristen am Leben halten und der doch so gar nicht touristisch ist.

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Es gibt Hotels, Restaurants, Internet und WiFi, zahlen kann man mit Visa, auch am Strand, und der Fernseher in der Hotelbar läuft ununterbrochen.

Mangue Seco-0407

Und es gibt Sand. Viel Sand.

Vor der Kirche in Mangue Seco

Kirchenplatz

Mangue Seco wurde bekannt durch die Verfilmung von Jorge Amados „Tieta do Agreste“: Tieta, einst vom Vater verstoßen, kehrt vermeintlich reich in ihr Heimatdorf zurück. In Wahrheit gehört ihr das beste Bordell in Sao Paulo, was für den Verlauf der Geschichte nicht nebensächlich ist. Seit dem Film kommen die Touristen und verhelfen den Einwohnern zu bunt gestrichenen, gepflegten Häuschen, einem offensichtlich recht gutem Einkommen und ein wenig Glamour:

Pousada Fantasia do Agreste, Mangue Seco

Glamour in Mangue Secco

Häuser in Mangue Seco, Bahia

Bunte Häuschen

Mangue Seco liegt am Ende einer Landzunge, an drei Seiten von Meer umgeben. Und an einer davon auch noch mit Wanderdünen. Die verschlingen zwar einerseits das Weideland, andrerseits sind sie der Reichtum des Ortes, denn die tropische Dünenlandschaft ist eine seltene From der Küste.

Außerdem: Hierhin kommt man nicht mit dem Auto oder dem Bus, nein man muss sich per Boot übersetzen lassen. Oder man fährt über eine Lehmpiste um dann im Nirgendwo das Auto stehen zu lassen und sich mit dem Buggy weiter fahren zu lassen.

Wir haben unsere Wegbeschreibung im Schiff vergessen und so finden wir den Weg zum Bootsanleger nicht. Wir fahren dreimal die Straße auf und ab, wohl nicht weit genug, dann nehmen wir den Abzweig „Mangue Seco passeio via Buggy“.

Nach fünfzehn Kilometern Lehmpiste ist Tomy nicht amüsiert, als ein Schild auftaucht, welches uns weitere 15 Km ankündigt. Dabei ist die Gegend schön: Große Farmen mit einigem Bestand an Vieh oder Kokospalmen säumen es, kleine Gewässer beleben es und rechts verschlingen die Dünen die Palmen. Ein Äffchen sitzt auf der Straße, die so breit ist, wie eine Schnellstraße.
Nur holpriger.

Wir haben keine Ahnung, wo sie hinführt, nur eine Hoffnung…

Auf einem sandigen Platz endet sie. Rechts steht ein Haus, mitten auf dem Platz parken drei Autos. Gegenüber, hinter dem Fußballfeld großem Terrain stehen auch ein paar Häuser. Dazwischen deutet eine Sandpiste ein Weiterkommen an.
Nur nicht mit unserem Auto.

Vor dem Haus rechts steht eine junge Frau, ich frage sie nach dem Weg. Sie erklärt mir, dass es von hier aus nur mit „Bugi“ – genauso ausgesprochen – weitergeht und bietet an, einen zu rufen. Ein paar Minuten später ist Adriano mit seinem roten Bugi zur Stelle. Für 120 Reals, immerhin 30 Euro, will er uns nach Mangue Seco fahren.

Unser Auto im Nirgenswo

Unser Auto im Nirgenswo

Auf ins Abenteuer!

Er verlädt unsere Rucksäcke auf dem Vordersitz und bedeutet uns hinten auf der Haube Platz zu nehmen und uns gut am Überrollbügel festzuhalten. Und dann geht es los.

Ein sandiges Dorf, komplett mit Hund, Hühnern und bunter Wäsche, lassen wir schnell hinter uns. Jetzt geht es wieder durch eine von Dünen begrenzte Weidelandschaft. Ein schlafender Hund auf der Piste wird langsam umfahren, Kühe, Pferde und Ziegen lassen uns mehr oder weniger zögerlich vorbei. Weiße Knochen liegen neben einen Gebüsch. Ein Pferd? Eine Kuh?
Über uns schweben die Geier.

Gelegentlich kommt uns ein Buggy entgegen. Tomy rätselt, wo die die VW-Boxermotoren herbekommen. Gebaut werden sie nicht mehr.

Des Rätsels Lösung?

Des Rätsels Lösung?

Und er zweifelt, ob wir je unser geliehenes Auto wiederfinden.

Nach vielleicht zwanzig Minuten kommen wir wieder nach Mangue Secco, doch die Fahrspur ist von der Flut überspült, wir müssen zu Fuß weiter durch den Sand. Adriano zeigt uns den Weg und legt uns gleich eine Bugi-Tour für den nächsten Tag ans Herz. Doch wir sind erst mal nur froh, da zu sein:

Unter einem Flammenbaum liegen ein paar ältere Damen in der Hängematte und halten ihr Spätnachmittags-Schwätzchen. Bunte Wäsche trocknet in der Sonne, Kühe liegen träge unter einem anderen Baum. Ein paar Pferde stoben über den Dorfplatz. Stolze Hähne scharen ihre Hühner um sich und ein Äffchen klettert flink über dem Eingang der Pousada.

Über den Ort liegt eine ansteckende Trägheit.

Und drunter Sand. Ich kann es nicht oft genug erwähnen.

Wenn ich Sand nicht so hasste, würde ich hier meine Memoiren schreiben.

Der junge Mann an der Rezeption findet nach einigem Suchen unsere Buchung. Ich hatte per Booking.com reserviert, doch weder meine noch Tomys Kreditkarte wurde angenommen. Auch jetzt klappte die Bezahlung nur unter dem Schatten spendenden Baum am Dorfplatz vor der Tür.

Bezahlen per Kreditkarte geht nur unter dem Baum vor der Türe

Bezahlen per Kreditkarte geht nur unter dem Baum vor der Türe

Kurze Zeit später suchen wir ein Restaurant, werden direkt gegenüber fündig. Es ist nur eine bessere Strandbar. Kulinarische Hochgenüsse werden wir wohl hier kaum erleben.* Verhungern werden wir auch nicht. Höchstens vor Langeweile sterben.

Aber das werden meine Kamera, Lightroom, der Kindle und der Tolino schon verhindern!

Am nächsten Tag holt Adriano uns zur Bugi-Tour. Erst zieht er sein Rennleiberl an, ein langärmliges T-Shirt mit schnittigem Aufdruck, das darauf hinweist, dass er im Dienst ist. Er grüßt jeden, hat er doch früher in Mangue Seco gearbeitet. Fünfzehn Jahre lang ging er täglich eine gute Stunde von Coqueiro zu Fuß zur Arbeit. Als Bugi-Besitzer verdient er sein Geld sicher einfacher und mit mehr Spaß!

Er gibt Acht auf uns: Ob ich mich genügend eingecremt hätte? Hab ich – trotzdem sehen meine Hände heute aus, wie ein gekochter Hummer. Adriano hilft der alten Dame – mir – in und aus dem Buggy, achtet darauf die Sitzfläche aus der Sonne zu klappen und macht typische Touristenfotos von uns.

Wir müssen die Palmen stemmen

Wir müssen die Palmen stemmen

Die Tour geht durch die Dünen, am Strand entlang, nach Coqueiro, an unserem Auto vorbei, durch Weideland zu den Barracas am Strand: Palmgedeckte Unterstände mit Hängematten darunter laden dazu ein, nichts zu tun.

Nun denn, wenn es sein muss!

*Das erwies sich als Irrtum: Im örtlichen Hostel aß ich den kreativsten und besten Salat Bahias, der konnte doch glatt mit den Kreationen in Südafrika mithalten! Die Pizza dort ist auch ordentlich!

INFO

Anfahrt von Salvador mit dem Auto auf der B099 und B 100 bis Pontal, Abzweig hinter Indiaroba, dann per Boot übersetzen
Anfahrt über die B099 bis  Abzweig Costa Azul, hinter km 172, dann 32 km Lehmpiste, ab Coqueiro per Buggy weiter.
Mit dem Bus bis Estancia, mit dem Taxi bis Pontal und dann mit dem Boot.
Mehr auf der Website des Hostels.
SEGLER: Mit einem Katamaran und genügend Abenteuerlust kannst du vermutlich auch in den Rio Real, der die Landzunge vom Land trennt, segeln. Keine Vermessung. Also wir haben welche gesehen, die es getan haben.

Viele Pousadas, auch das Hostel, holen in Salvador am Flughafen ab. Websites auf Englisch

Übernachten:
Pousada Fantasia do Agreste ist nett und direkt im Ort, gutes Frühstück
Pousada do Forte liegt hintern dem Ort, der in 5 Minuten zu Fuß über die Dünen erreichbar ist. Sie liegt direkt an einer kleinen Bucht. Diese Lage würde ich bevorzugen. Sie holen auch am Flughafen ab. http://www.pousadaoforte.com

Essen:
Restaurant Na Cajazeira im Hostel auf dem Weg zur Kirche, fast neben der Pousada Fantasia do Agreste

Atlantikstrand:
Man kann sich mit dem Buggy hinfahren lassen.
Oder man geht ca 25 Minuten zu Fuß: Links hinter der Kirche hinauf in die Dünen, Richtung Leuchtturm, dann den breiten Sandweg zwischen den Zäunen hinunter in die Bucht (~7 min), am Strand entlang nach rechts bis zur Pousada do Forte (~1 min). Von da der Sand/Lehmpiste folgen (~15min)

Moskitospray für abends mitbringen!

Karneval in Salvador da Bahia

12. Februar 2016
von Steffi
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Kennst du den größten Straßenkarneval der Welt?

Kennst du den größten Straßenkarneval der Welt?

Nein, nicht Köln. Auch nicht, wenn die Kölner Sturm, Grapschern und Terroristen trotzen.

Rio?

Fehlanzeige!

Der größte Straßenkarneval der Welt ist in – Salvador!

Ruhig ist es in Ribeira am Morgen im Karneval. Keine Rufe der Kanufahrer, keine laute Musik auf einem Ausflugsschiff, kein Auto fährt, kein Bus, nicht mal die Hähne krähen! Der Ort wirkt wie ausgestorben. Und das sind auch die sonst so geschäftigen Straßen! Keine Straßenhändler, keine schreienden Wasserverkäufer, keine laute Musik. Außer ein paar Bussen und einer Menge Taxis ist kein Verkehr, kein Mensch ist auf der Straße. Geschäfte sind geschlossen, ebenso Restaurants und Imbissbuden.

Salvador ist gespenstisch leer.

Wie nach einer Seuche…

Und die heißt – Karneval!

Wer nicht feiert, hat die Stadt verlassen, die anderen sind entweder am Circuito Dodô um den Campo Grande bei den Blocos Afro, oder am Circuito Osmar in Barra und Ondina. Es gibt noch ein paar kleinere Umzüge, aber diese beiden sind die größten. Sie starten um 15:00 und enden in den frühen Morgenstunden…

Dazwischen wird getanzt, getrunken, gesungen, gegessen und – gewartet. Je nachdem, wie man teilnimmt.

Wir lassen uns mit dem Taxi zum verrammelten Shopping Barra bringen, so nah es geht. Denn wir sind nicht die einzigen, die zum Karneval wollen. Der Eingang zur Festmeile geht heutzutage nur durch Checkpoints, an denen Tascheninhalte kontrolliert werden.

Checkpoint Eingang Karneval

Checkpoint Eingang Karneval

Wir gehen an die Orla, der Straße entlang des Meeres, und warten auf die erste Gruppe. Hinter uns liegt der Strand, einige Motorboote liegen vor Anker. Vor uns ist alles in der Hand der Oranjes: Die Biermarke Schin ist der Hauptsponsor und die stehen auf orange – also haben alle Straßenhändler orange Shirts und Kühlboxen. Menschen flanieren auf der Straße, doch als das erste Trio Electrico – eine Bühne auf einem Sattelschlepper – kommt, tanzt die Menge vor und neben dem Trio meist hüpfend und Arme in die Luft werfend.

Ein Albtraum für Sicherheitsexperten

Ein Albtraum für Sicherheitsexperten

Auch wir werden zu Popcorn – Pipoca, jenen hüpfenden Feiernden am Rande des Umzuges.

Danach gehen wir ins Camarote, einer Art Tribüne oder gesicherter Raum mit Toiletten, Getränken, Essen – nur sehen die Leute dort so gelangweilt aus! Was verständlich ist: Wer nicht im Bloco hinter oder vor dem Trio Electrico her tanzt, tut vor allem eines – warten auf das nächste Trio! Und das ist ganz schön anstrengend.

Beim Karneval in Salvador haben die Frauen mehr zu gucken, als die Männer: Es sind die Männer die tanzen. In kleinen Choreografien zeigen sie die Kraft in den Beinen, ihre (Stoß)kraft, die Beweglichkeit der Hüften. Frau könnte ihre Tänze schon als obzön bezeichnen…

Hüftschwung

Hüftschwung

Dabei ist es zum Heulen: Ganze Blocos, also hunderte, fescher junger Männer aus dem ganzen Land ziehen an uns vorbei – alle schwul (okay, ist nicht politisch korrekt, trotzdem traurig ;-))

Jammerschade!

Ein Bloco voller Männer...

Ein Bloco voller Männer…

Wir schlendern ein wenig herum. In der Straße hinter dem Umzug ist die Fressmeile: Acarajé, Pizza, Churassco, Süßigkeiten, dazu Bier, Wasser, Red Bull oder Roskas und Caipi. Kondome liegen zur freien Entnahme an den Buden herum. Es sieht alles improvisiert und chaotisch aus, ist aber streng reglementiert. So sind Fleischspieße verboten, die Hölzer könnten als Waffe verwendet werden…

Dafür wird das Gegrillte jetzt auf Styroportellerchen serviert.

Soll ich etwas über den Müll sagen?

12 Tonnen waren es am Montag.

6 Tage lang dauern die Umzüge.

Dosenberg

Dosenberg

Es wird wild gefeiert, ja. Aber auch hart, sehr hart gearbeitet: Tausende Straßenhändler versorgen die Feiernden mit Getränken und Nahrung, Taxifahrer haben Hochkonjunktur und die Seile, die die Blocos begrenzen, müssen lückenlos gesichert werden. Dosensammler haben Hochkonjunktur. Es gibt jede Menge Erste Hilfe Ambulanzen und Policia Militar. Die Bands auf den Sattelschleppern spielen fünf, sechs Stunden lang ununterbrochen.

Kaum sind die Mäuse aus dem Haus - oder auf Streife...

Kaum sind die Mäuse aus dem Haus – oder auf Streife…

Feiern geht nur, weil es viele fleißig arbeiten!

Zum Schluss tanzen wir noch im Bloco von Carlinhos Brown, dem musikalischen Genie Salvadors, Gründer von Timbalada.

Tanzen macht am meisten Spaß!

Ohne Worte (Verstehen nur Kölner)

Ohne Worte (Verstehen nur Kölner)

Eindrucksvolle Reihe

Eindrucksvolle Reihe

INFO Karneval in Salvador:

Es gibt zwei große Umzüge:

  • Circuito Dodo beginnt am Campo Grande, geht entlang der Sete de Septembro Richtung Pelourinho und die Carlos Gomez wieder zurück. Es ziehen die afrikanisch geprägten Blocos mit: Olodum, Muzenza, Ile Aye, Filhos do Gandhi, Banda Dida und andere Trommelgruppen durch die Straßen.
  • Circuito Osmar beginnt am Farol de Barra und geht entlang der Orla nach Ondina. Dort kann man die angesagten Bands sehen: Ivete Sangalo, Pisirico, Timbalada, Daniela Mercury. Für viele Salvadorianer ist Karneval die einzige Möglichkeit diese Gruppen life zu erleben.
  • Es gibt auch kleiner Umzüge, die eher unseren Karneval mit Kostüm ähneln im Pelourinho.

Teilnehmen kann man auf drei Arten:

  • Im Camarote: Das sind Tribünen, komplett mit DJ, Essen und Trinken, WC, meist entlang der Orla. Sie gelten als sicher. Sie sind nett mit Freunden, sonst kann es ganz schön langweilig und anstrengend sein auf die nächste Gruppe zu warten. Die Eintrittskarten muss man vor Karneval kaufen.
  • Im Bloco: Das sind mit Seilen gesicherte Abteilungen vor und hinter den Trio Electricos, den rollenden Bühnen. Sie kosten zwischen 40 und 1000 Reals, müssen auch vorher gekauft werden. Man tanzt dann die ganze Nacht hinter einer Gruppe. Sie führen auch einen WC und Versorgungswagen mit.
  • Als Pipoca am Straßenrand. Da kann man die Gruppen an sich vorbeiziehen lassen oder auch daneben oder hinter dem Bloco herziehen. Es gibt auch Gruppen, die ohne Bloco ziehen. Pipoca macht am meisten Spaß, ist umsonst und gilt als unsicher. Nun ja, man nimmt einfach nichts Wertvolles mit! Nirgendwohin, wenn Baianos feiern

Und an sechs Tagen: Donnerstag (Weiberfastnacht) -Quinta; Freitag – Sexta, Samstag – Sabado, Sonntag – Domingo; Montag – Segunda; Dienstag – Terca.

Programm hoffentlich auch 2017 unter carnavalsalvadorbahia.com.br

6. Februar 2016
von Steffi
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Sonntagsfrage am Samstag: Wie geht es bei uns weiter?

Nachdem ich die Sonntagsfrage letztes Wochenende vor lauter Wasserschlucken vergessen habe, kommt diese schon am Samstag.

Und wird von mir beantwortet. Ist übrigens erst mal die letzte Sonntagsfrage.

Morgen, Sonntag 7. Februar, fliegen wir zurück nach Salvador, feiern ein wenig Karneval, fahren nochmal mit dem Auto die Küste hoch an einen schönen Strand und – werden wir sehen.

Am 20. Februar fliegen wir nach Bolivien. Wir müssen nochmals gute vier Wochen aus Brasilien ausreisen, um dann volle 90 Tage bleiben zu können. Das haben wir zwar nicht vor, aber sicher ist sicher.

Ende März befreien wir unser Schiff wieder aus dem Zoll und segeln mit dem ersten guten Wind Richtung Norden bis nach Jacaré hinter Recife. Das wird etwa eine Woche dauern. Wir wollen auch eine gute Woche dort bleiben. Danach geht es Nonstop nach Französisch Guyana. Die brasilianische Küste ist so lang, dass wir dafür rund 14 Tage, vielleicht auch mehr, auf See sein werden.

Mitte Juni wollen wir in Surinam sein. Dann werde ich sicher wieder so große Sehnsucht nach meinen Engeln haben, dass ich nach Hause muss…

Aber erst mal freuen wir uns auf neue Abenteuer. Also, drückt uns die Daumen, dass alles so klappt, wie wir uns das wünschen! Danke schön!