Olinda, Sao Bento, Bonfim, Pernambuco -

22. Mai 2016
von Steffi
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Oh, linda! Olinda – lohnt sich ein Besuch der schönen Stadt?

„Oh, linda!“ soll der Stadtgründer ausgerufen haben, als er den Ort sah, an dem Olinda entstand. „Welch‘ schöner Platz um eine Stadt zu gründen!“

Ich bezweifle das: Damals, 1535, waren hier mit Atlantischem Regenwald bewachsene Berge – sicherlich wunderschön, aber auch ziemlich unübersichtlich. Zumindest von oben.

Und von oben hat man den besten Ausblick auf die unzweifelhaft schöne Stadt. Von ganz oben. Von der Caixa d’Agua. Dem Wasserturm. Besser übersetzt: Dem Wasserkasten.

Es ist mit Abstand das hässlichste Gebäude in der Altstadt von Olinda. Es ist so unglaublich hässlich und so entsetzlich fehl am Platz, dass ich darüber ausführlich schreiben muss: Dieses Gebäude schmerzt in meinen Augen!

Aber gemach, gemach – noch sind wir gerade erst angekommen. Sebastian, unser Gastgeber begrüßt uns mit einem fröhlichen „Servus“: Er kommt aus Wien. Da hab ich mal wieder einfach so und rein zufällig die richtige Unterkunft gebucht. Mir gefielen die bunt-fröhlichen Fotos auf der Website – es sah nach einem Ort aus, an dem wir uns wohlfühlen würden.

Und so war es dann auch.

Sebastian kam noch vor der Matura zum ersten Mal nach Brasilien, schlug sich im altersschwachen öffentlichen Bus gemeinsam mit Hühnern und ohne Sprachkenntnisse bis nach Olinda durch. Das gefiel ihm, es schmeckte nach Abenteuer.
Wieder daheim, lag der Vater dem Sohn in den Ohren: „Du musst deinen Weg finden!“
Sebastian erzitterte.
Instinktiv spürte er wohl, dass der Vater in dem Satz ein d mit einem m verwechselt hatte…
Er machte Matura, lernte Tischler, übte Cello, besuchte die Hotelfachschule und flog immer wieder nach Brasilien. Und eines Tages blieb er. Heute ist er Musiker und Gastgeber.
Ich behaupte, er hat seinen Weg gefunden!

Während wir nett mit Sebastian plauderen, Luni, die Straßenhündin, die mit seiner Familie ein Rudel gefunden hat, streicheln und mit seiner entzückenden Tochter „Drei gewinnt“ spielen, verwöhnt uns seine Frau mit dem besten Frühstück Brasiliens, all das mit traumhaften Blick über Olinda und Recife.

Dermaßen gestärkt machen wir uns auf den Weg, die Schöne zu erkunden, erst mal hinauf zur Praca da Se und zur Kirche des Bischofssitzes. Auf dem Platz davor tummeln sich die Souvenierverkäufer und die Tapioca Bäckerinnen. Tapioca sind so etwas wie Palatschinken oder Crepes aus Maniokmehl, kann süß gefüllt mit Früchten oder salzig, gefüllt mit Gemüse oder Käse gegessen werden. Sie gelten als Spezialität Olindas und sind lecker.

Auf der Praca da Se, links davon und nicht mehr im Bild der Kasten

Auf der Praca da Se, links davon und nicht mehr im Bild der Kasten

Und darüber wacht der Wasserkasten.

Schon 1936 entstand dieses Monstrum, wobei sein Architekt in einem Atemzug mit Le Corbusier und Oskar Niemeyer genannt wird. Das macht ihn nicht schöner. Von außen ist er mit sogenannten Cobegos verziert. Das sind quadratische Elemente aus Keramik oder Beton zum Bau von Wänden, die Luft und Licht durchlassen. Sie kommen aus Pernambuco, dem Bundestaat in dem Olinda liegt, finden aber in ganz Brasilien Einsatz. Gekonnt eingesetzt, in einem Set von – sagen wir vier bis zehn Stück, oder sogar als Zaun oder Trennwand können sie durchaus den Eindruck von feiner Spitze erwecken – ja, so könnten sie sogar schön sein.

Dieses Bild kursiert im Internet, ich kann den Urheber nicht herausfinden

Nur werden sie meist dazu verwendet, Trennwände oder direkt Kuben oder Quader zu bauen.
Kästen eben, einer Caixa do Isopor, jenen Kisten aus Styropor, in denen hier oft Getränke gekühlt werden, nicht unähnlich.
Und jetzt seht selbst:

Olinda, Caixa d'Agua

Olinda, Caixa d’Agua – hässlicher geht es kaum

Der Rest des historischen Olindas, Weltkulturerbe, besteht aus unzähligen Gassen mit bunten Häuschen im Kolonialstil und einer Menge barocker Kirchen. Die meisten Häuser sind renoviert, viele auch mit tollen Grafitti oder Wandbildern geschmückt. Ich fotografiere jedes Einzelne, da Joanna von der Chulugi mich beauftragt hat, kunsthistorische Fotos zu machen: Nun, in meinen Augen sind diese Murals Kunst, und historisch sind sie, weil sie nicht lang halten ;-) . Außerdem ist in Olinda der Übergang zwischen Kunst und Vandalismus fließend.

Graffiti in Olinda

Kunst und Vandalismus nebeneinander

Mich stören die beschmierten Wände allerdings weniger als der Müll: Die Wände bleiben in der Stadt, der Abfall endet im Meer. Nicht nur dass der Park der Misericordia-Kirche eher einer Gstätten, einem vernachlässigten Stück Land, gleicht, nein der Abfall liegt dort überall verteilt, die Treppen hinauf, vor der Türschwelle der Kirche. Ja, der liegt auch in meinem geliebten Salvador – aber nicht vor Bonfim, nicht in den Parks, nicht in Barra oder Rio Vermelho. Nicht dort, wo sich die Stadt der Welt präsentiert. Ich begreife einfach nicht, wie Menschen ihre Stadt einerseits so schmücken und auf der anderen Seite die öffentlichen Flächen verdrecken und verkommen lassen! Kann mir das mal einer erklären?

(Siehst du Joanna, auch ich finde mal ein Haar in der Suppe!)

Viele der Häuser zieren die riesigen Puppen, die im berühmten Karneval von Olinda und Recife durch die Straßen getragen werden. Ja, richtig gelesen: Berühmt. Der Karneval von Recife wird in Brasilien gemeinsam mit dem in Rio oder Salvador genannt. Es gibt auch einen eigenen Tanz, den Frevo, ursprünglich auch ein Kampftanz mit Elementen des Capoeira. Früher wurde er mit großen, schwarzen Schirmen getanzt, die sich auch als Waffe verwenden ließen. Heute drehen und schwenken die Tänzer bunte Schirmchen. Sie dienen auch außerhalb der Karnevalszeit quasi als Logo von Olinda.

Wir schlendern durch die bunten Gassen, lassen uns von allerlei schmucken Häusern und bunten Gärten verzaubern. Das historische Zentrum Olindas lebt, anders als das Pelourinho in Salvador: Hier leben Menschen, hier wachsen Bäume, hier gehen Kinder in die Schule, studieren junge Leute und alte ziehen jeden Freitag ab zehn Uhr abends musizierend von einer Kirche zur anderen.
Sie sind irgendwie rührend.
Und jetzt verrate ich dir ein Geheimnis: Tomy übt Ukulele spielen. Ich habe ihm vorgeschlagen, er sollte die Gruppe fragen, ob er mitspielen darf: Happy Birthday kann er, wenn er das immer wieder wiederholt, so fiele sein Mitspielen gar nicht auf…

Den Sundowner am nächsten Abend verbringen wir in einer unspektakulären Bar etwas unterhalb des Bischofsitzes mit Blick auf Recife. Neben uns sitzen drei Musiker, die angenehm leise auf ihren Gitarren klimpern und dazu singen. Sie laden uns ein mitzusingen, doch wir kennen die Texte nicht. Außerdem spielt Tomy weitaus besser Ukulele, als er singt. Später erzählt uns Sebastian von der jeden zweiten Mittwoch stattfindenden Chora de Roda, einer Art Kreissingen: Jeder fällt mal ein, spielt ein Lied an, alle singen mit, denn die Lieder sind bekannt. Gemeinsam musizieren, in kleinem Kreis, nicht für die Touristen, sondern weil es Spaß macht – auch das ist Leben!Olinda-0776

Die Menschen sind von natürlicher Offenheit. Sie erkennen selbstverständlich sofort, dass wir Ausländer sind, fragen woher wir kommen, rufen zur Antwort „Alles klar“, weisen uns ungefragt den Weg, vertreiben Bettler, setzen uns in den richtigen Bus und zeigen uns, wo wir austeigen müssen.

Ich mag auch die Schwingung des Ortes: Wir können abends flanieren, es gibt ruhige Gassen und solche mit Bars und Musik, wir fühlen uns sicher. Apropos Musik: Am Samstag werden wir mit Trommeln beschallt: Von unten und von oben, die ganze Nacht bis vier Uhr früh. Am Sonntag verstummen sie um zehn Uhr abends, es folgt Totenstille bis der Bem-te-vi und andere gefiederte Sänger uns sanft aufwecken.

Okay, der Hahn nebenan war noch etwas früher.

Dann folgen die Kirchenglocken und die klingen… Wie daheim in den Alpen!

Sao Bento, Olinda

Sao Bento

Kühe gibt es keine, aber Pferde.Olinda-0920

Ja, Olinda, zwischen Pferdekarren und Luxuskarossen, zwischen bunten Häuschen und modernen Hochhäusern lohnt den Besuch, durchaus auf für ein paar Tage.

INFO Olinda

Anreise von Jacare/Joao Pessoa
Öffentlich
Mit dem Zug nach Joao Pessoa, zu Fuß zum gegenüberliegenden Rodoviaria, Busbahnhof, Busse nach Recife gehen halbstündlich von verschiedenen Busgesellschaften. In Abreu e Lima austeigen (sollte der erste Stop nach etwa eineinhalb Stunden Fahrzeit sein). Dort ein Taxi nach Olinda nehmen. Es gibt auch einen Bus.
Kosten: Bus nach Recife zwischen rund 28 und 32 Reals, zurück ist etwa 5 Reals preiswerter, weil die Busteiggebühr entfällt. Taxi von Abreu e Lima nach Olinda 50 bis 70 Reals. Fahrzeit insgesamt etwa drei Stunden.

Mietauto
Localiza ist ein guter Mietwagen-Anbieter in Brasilien, die Autos können online reserviert werden, nur portugisisich. Es gibt eine Niederlassung in Intermares, dort sind die Autos aber teils signifikant teurer als in Joao Pessoa.

Anreise von Recife
Mit dem Bus Richtung Rio Doce. Dem Schaffner bitten, vor der Haltestelle Bescheid zu sagen. Aber eigentlich ist die Haltstelle zu erkennen. Mietauto macht von Recife aus keinen Sinn, weil in Olinda ist es sinnlos bis hinderlich, wegen enger Gassen und fehlenden Parkplätzen.

Unterkunft:
Cama e Cafe Olinda

Ich erhalte von keiner der verlinkten Firmen irgendwlche Vergütung, sondern empfehle sie, weil ich sie aus persönlicher Erfahrung für gut halte.

Zugfriedhof in Joao Pessoa

17. Mai 2016
von Steffi
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Joao Pessoa – Hans Mensch

Salvador und Bahia verwöhnt. Wer dort war, tut sich schwer mit Joao Pessoa und Paraiba…

Dabei gibt es in Paraiba etwas, das in Brasilien Seltenheitswert hat: Eine Bahnlinie! Gut, es gibt auch eine in Salvador, es wird dort sogar eine neue gebaut, die Metro (nebenbei seit ca. 20 Jahren, doch seit Ende letzten Jahres fahren dort tatsächlich Züge.)

Wie auch immer – das brasilianische Schienennetz ist schlecht ausgebaut und hat einige strukturelle Probleme, zum Beispiel verschiedene Spurweiten. Umso erstaunlicher ist es, dass zwischen Cabedelo und Santa Rita auf 30km eine moderne Straßenbahn fährt, mit Klimaanlage und Ansage!

Eine. Nein, zwei.

Es fahren zwei Züge hin und her – ein moderner und ein Dinosaurier.

Hier fahren tatsächlich Züge

Hier fahren tatsächlich Züge

Nachdem wir schon ein wenig vertraut mit dem Fahrplan sind, passen wir den klimatisierten Zug ab, um nach Joao Pessoa, der Hauptstadt des Bundestaates Paraiba, zu fahren. 35 Minuten dauert die Fahrt, vorbei an weidenden Pferden, Kühen, Ziegen und Eselskarren. Die Hütten entlang der Bahnstrecke sind kaum von Müllsammelstellen, Müllverwertungsstellen oder einfach nur Müllhalden zu unterschieden.

Ich will es positiv als einen Versuch, des Plastikmülls Herr zu werden, sehen…

Noch etwas Seltenes gibt es in Joao Pessoa: Hinweisschilder für Touristen! Manche sind verbeult und verrostet, aber immerhin weisen sie uns zur wichtigsten Kirche hier, der San Antonio und dem Klosterkomplex Sao Francisco. Dort kommen wir sogar in den Genuss einer Führung, auf Portugiesisch natürlich. Trotzdem ist das nett, denn so kommen wir auch in die Sakristei und hinauf in den Chor. Außerdem ist die Kirche, mal abgesehen von den Fledermäusen, die darin wohnen, gut in Schuss. Sie beherbergt das örtliche Kulturzentrum, eine Galerie und ein kleines Museum für sakrale Kunst.Joao Pessoa-0427 Joao Pessoa-0399 Joao Pessoa-0423

Daneben befindet sich die viel schlichtere Kirche der Nossa Senhora das Neves, der Schutzheiligen der Stadt. Sie war auch ihre erste Namensgeberin: Unter den Franzosen hatte sie keinen Namen, die Portugiesen benannten sie nach der Schutzheiligen, die Holländer Frederica oder Frederikstaad, dann kamen wieder die Portugiesen und gaben ihr den indianischen Namen Pahrayba, und schließlich nach der Ermordung des Gouverneurs dessen Namen: Joao Pessoa, auf gut deutsch: Johann Person. Oder Hans Mensch. Max Mustermann. Thomas Müller. Man kann hier Mensch sein, Joao Pessoa gilt als sicher. Als östlichste Stadt Amerikas trägt die Stadt außerdem den Titel:

„Stadt, in der die Sonne zuerst aufgeht“

Irgendwie haben wir das Gefühl, sie geht eher unter: Von vielen der alten Häusern stehen nur mehr die Fronten, schwarz vor Schimmel. Ich brachte es nicht mal über mich, sie zu fotografieren. Viele Gebäude sind mit Schmierereien bedeckt, selbst die Kirchen. Die Altstadt ist allerdings hübsch, auch wenn ihr Potenzial als Touristenmagnet völlig flach liegt: Keine Kneipen, keine Galerien, keine Souvenirs. Stattdessen beherbergt es die Orthopädie- und Sanitätsgeschäfte der Stadt. Also, falls du hier mal einen Rollstuhl brauchst, weißt du jetzt, wo du ihn bekommst.

Die ALtstadt von Joao Pessoa

Die Altstadt von Joao Pessoa

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Oben Graffiti oder Murals, an der Mauer links Schmiererei…

Im Zentrum herrscht reges Treiben: Fliegende Händler verkaufen Obst, meist Acerola und Pinha, es gibt viele Geschäfte und Einkaufszentren, auch die Regierungsgebäude sind sehr hübsch. Der Park davor ist nett und beherbergt einen faszinierenden Baum mit wunderschönen Blüten und großen Früchten, beides wächst direkt aus dem Stamm.

Regierungsgebäude in Joao Pessoa

Regierungsgebäude

Wer kennt diesen Baum?

Wer kennt diesen Baum?

Wir haben Hunger und Durst und suchen ein Restaurant. Meine Ansprüche sind nicht hoch: Hell hätte ich es gerne, mit ganzen Plastikstühlen und sauberen Wänden. Wieso geben sich die Menschen hier mit einer dunklen Foodplaza im Einkaufszentrum und Kilorestaurants mit dem Charme einer Bahnhofswartehalle zufrieden? Ich beginne Anja von der Robusta zu verstehen, die genau das schon in Salvador störte. Dort kenn ich halt die Lokale, in denen es anders ist, das sind allerdings auch nicht die preiswerten Kilorestaurants.

Irgendwann werden wir fündig, das Essen ist gut, das Ambiente – hell ist es, die Stühle sind noch ganz und an der Wand hängt ein Foto von Elvis.

Ich spreche hier übrigens vom Zentrum zwischen Bahnhof und Stadtteich, nicht von den Randbezirken oder von den Stränden. Letztere müssen wir noch erkunden, vielleicht verliebe ich mich dann doch noch in den Hannes.

Der Rückweg führt wieder durch die Altstadt – und siehe da, ich finde doch noch zwei Schmankerln:

Das Haus der Freimaurerloge Weiße Tage, Dias Brancas, welches nicht nur mit esoterischen Symbolen geschmückt ist, nein auch zwei barbusige Sphinxen bewachen den Eingang. Die anderen barbusigen, anzüglichen Frauen finden wir in der Karmeliterkirche.

Eingang der Freimaurerloge in Joao Pessoa

Freimaurerloge Dias Brancas

Ich wäre gerne Mäuschen in den vergangenen Jahrhunderten um zu sehen, wer sich da gerne hinsetzt. Obwohl ich Pech haben könnte: Früher saßen die Frauen doch links in der Kirche, oder?

Wer hat sich daran erfreut?

Wer hat sich daran jeden Sonntag erfreut?

Warst du schon mal in Joao Pessoa? Wie hat es dir gefallen? Mischa und Jaqueline von der Sailor Moon gefiel es jedenfalls besser, wie du hier nachlesen kannst.

 

PS: Hab ich vor ein paar Tagen geschrieben – mittlerweile fährt der Zug nicht mehr bis Joao Pessoa. Irgendetwas ist kaputt. Man muss in Mandacru austeigen und mit dem Bus weiter…

Nivea Dose Kinderzeichnungen

12. Mai 2016
von Steffi
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Vom Jagen und Sammeln

Auf einem Segelschiff ist wenig Platz – das setzt der Sammelwut enge Grenzen! Und doch und doch…

…kann ich an keinem Geschäft mit Nivea-Produkten vorbeigehen. Und das ist jetzt keine Werbung, denn das einzige, das ich suche, ist diese kleine blaue Dose – mit einem Bild auf dem Deckel. Und leider, leider ist Beiersdorf dazu übergegangen, diese speziellen Dosen zu globalisieren: Gab es früher in fremden Ländern eigene Serien, so sind sie heute fast weltweit gleich. Wirklich dämlich!

Was mich nicht von der Jagd abhält:

In La Paz zum Beispiel, strebte ich zielstrebig die blaue Kosmetik-Abteilung des Supermarktes an – und wurde fündig! Zwar hatte ich dieses Motiv schon aus Deutschland, doch um die Sammlung etwas aufzupeppen, kaufte ich sie trotzdem.

Dose aus Bolivien mit internationalem Motiv

Dose aus Bolivien mit internationalem Motiv

Aber halt, auch wenn ich mit über diese neue Dosenpolitik ärgere, so gibt es doch erfreuliche kleine Ausnahmen: Manchmal gibt es in anderen Ländern ein Motiv mehr, oder es ist in der Größe verschieden oder in der Beschriftung.

Nivea Dose

Dosen aus Russland, Slowenien und Deutschland – Schönheit ist… in verschiedenen Sprachen

Das alles ist natürlich nichts gegen die guten alten Zeiten, in denen in Spanien, Österreich und Frankreich Kinderzeichnungen auf die blaue Dose gedruckt wurden, oder Entwürfe von Designern – was einmal zu einem Disput der deutschen Mutter mit der französischen Tochter führte: Die Dosen, die Fifi Cachnil entwarf waren

Rosa!

Nivea Dosen, boite nivea

Nivea Dosen aus Frankreich, entworfen von Fifi Cachnil

Und wenn sie alles sein dürfen, dann nicht das!

Natürlich gibt es Dosen mit Segelschiffen, Fischen, Muscheln – und einer Meerjungfrau! Die ist sogar hier an Bord! Der Rest ist in meinem Gästebad zu Hause in Deutschland ausgestellt: Weit über 200 Dosen, alle mit unterschiedlichen Motiven. Ich wage mal zu behaupten, ich habe die größte Nivea-Motivdosen Sammlung Deutschlands, vermutlich der Welt!

Nivea Dose mit Arielle

Arielle ist mit an Bord

Was ich mit der vielen weißen Creme mache? Umfüllen und verschenken, denn selbst brauche ich nicht so viel.

Mit modernen Techniken hat heute übrigens jeder die Möglichkeit sein Konterfei auf einen Deckel einer blauen Dose drucken lassen. Allerdings sind die nicht echt, also nicht auf Metall, sondern auf Fotopapier gedruckt und mit einer Plastikhülle auf den Deckel gestülpt.

Nivea Dose mit Foto

“Falsche” Nivea Dose mit Foto von mir vor meiner Sammlung im Gästebad

Warum ich dir von meiner Sammelwut erzähle? Erst mal um bei der Sarahs Blogparade “Sammelwut” mitzumachen. Und dann natürlich weil ich die Hoffnung auf „Fremde Länder – fremde Dosen“ nicht aufgebe: Bitte suche für mich mit! Oft gibt es die Motivdosen nicht in jedem Geschäft, manchmal am Markt, manchmal in der Drogerie, wer weiß vielleicht auch mal auf einen Flohmarkt!

Alle meine Dosen findest du auf Pinterest.

Übrigens: Japan hat tolle Dosen! Nur komm ich nicht dran…

Und was sammelst du so?

Por do Sol, Sonnenuntergang, mit Jurandy, Jacare, Paraiba, Brasilien

8. Mai 2016
von Steffi
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Jacare – wie ich vom Krokodil gebissen wurde

Mitten ins Herz hat es mich gebissen, das Biest! Und so schaffe ich es gerade nicht, mit dem Herzen zu sehen…

Das Krokodil in Jacare

Das Krokodil in Jacare

Jacare, Krokodil, heißt dieses kleine Fischerdorf am Rio Paraiba im gleichnamigen brasilianischen Bundestaat, das viele Segler, die von den Kanaren oder Kap Verden über den Atlantik kommen als erstes und oft auch einziges Ziel in Brasilien anlaufen. Andere kommen von Südafrika oder aus Salvador oder Rio und erholen sich hier, bevor sie weitersegeln Richtung Guyanas und Karibik.

So auch wir. Und zwar genau jetzt, weil im brasilianischen Herbst und Winter die Winde günstig sind, um nach Norden zu fahren. Ab Recife geht das das ganze Jahr, aber darunter eben nicht, zumindest nicht so einfach. Da das Schiff nur mehr bis Mitte März nächsten Jahres bleiben darf, mussten wir jetzt fahren – oder ums Kap Horn oder nach Südafrika…

Wollten wir aber nicht.

Nur biss das Krokodil direkt bei der Einfahrt zu, obwohl ich es erwartet habe und auf der Hut war: Ich vermisse Salvador, die Bucht, Itaparica… Der Paraiba, dieses Fischerdorf hier und die Umgebung können einfach nicht mit der Baia dos Todos os Santos mithalten. Landschaftlich nicht, seglerisch nicht und auch nicht von der Infrastruktur her.

Gut, mit Ausnahme des Wifis…

Und so ziehe ich mich zurück, wie immer, wenn es mir nicht gut geht. Zu Hause hätte ich mich ein paar Tage in meinem Nähzimmer verkrochen, hier muss mein Laptop her: Ich schreibe, was das Zeug hält, sortiere Fotos, lese andere Blogs – und bekomme Fernweh!

Zugegeben…

Es ist hier tatsächlich klimatisch angenehmer als in Salvador: Weniger feucht, ja sogar etwas kühler: In dem gemäßigten Klima hier finde ich sogar Portulak am Wegesrand und peppe damit meinen Salat auf. Das gibt Kraft. Nachts brauche ich ein Leintuch zum Zudecken. Auch die unkontrollierbaren Wasserausbrüche im Gesicht bleiben aus. Dafür sind die Mücken hier echt lästig!

Nach und nach krieche ich aus dem Maul des Krokodils:

Das Fischerdorf ist wirklich nett. Bunte, liebevoll dekorierte „Reihenhäuschen“ schmiegen sich die Dorfstraße entlang. 500m lang. Ist also überschaubar.

Jacare

Jacare

Am Ende der Sraße liegt die Eisenbahnlinie und eine  Gschtetten – österreichisch für ein vernachlässigtes Stück Land: Pferde weiden dort, Kühe auch, ein paar Bagger pumpen Schlamm aus den Wasserlöchern. Dahinter liegt die Schlafstadt Intermares, mit vielen neuen Apartmenthäusern, einer Tankstelle und ein paar Supermärkten. Es ist eine andere Welt. Dorthin gelangt man, indem man eine Schnellstraße am typisch brasilianischen „Zebrastreifen“ bei der Bushaltestelle überquert: Große gelbe Schilder weisen die Autofahren darauf hin, wirklich langsamer werden sie allerdings nur wegen der Quebramola, des Stoßdämpferbrechers Bodenwelle. Also jedenfalls kann man dort drei Fahrspuren überqueren und sich gegebenenfalls mit einem Sprung in den Straßengraben, bzw. den tiefergelegten Mittelstreifen retten. Auf der dreispurigen Gegenfahrbahn fehlt die Quebramola, dafür verbreitert der Beschleunigungsstreifen die Fahrbahn auf vier Spuren…

Am Strand von Intermares

Der Strand von Intermares

Die Bahnlinie führt einerseits nach Cabedelo, also zur Capitania, wo wir unser Schiff wieder anmelden mussten. Es gibt dort einen Markt und einen Supermarkt. Hungern müssen wir nicht.

In der anderen Richtung geht es nach Joao Pessoa, das werden wir noch diese Woche erkunden.

Ihr merkt schon: Meine Begeisterung will nicht so recht erwachen. Die hat das Krokodil verschluckt. Samt Kamera – was genau soll ich hier fotografieren?

In Cabedelo

In Cabedelo

Nicht einmal DIE Touristenattraktion des Bundestaates Paraiba – und eigentlich sagt DIE da schon alles – weckt sie auf.

Es ist Jurandy, ein Musiker, der sich seit vielen Jahren zum Sonnenuntergang auf einem Ruderboot vor dem Strand Jacares auf und ab fahren lässt und dabei Ravels Bolero auf dem Saxophon spielt.

Jurandy spielt den Bolero

Jurandy spielt den Bolero

Und ja doch, das ist beeindruckend: Ein Mann, eine Idee – und eine ganze Reiseindustrie lebt davon. Von Joao Pessoa, von Intermares, von Cabedelo aus fahren jeden Nachmittag Ausflugsboote mit feiernden Menschen den Paraiba hinauf oder hinunter, um diesem zehnminütigen Schauspiel beizuwohnen. Schon von weitem hören wir den Animateur und das Gekreische der Frauen, die dem Einheizer antworten. Am Strand, ein paar Minuten vom verträumten Fischerdorf entfernt, tobt der Bär, äh das Krokodil:

Bars, fliegende Händler, Läden mit Kunsthandwerk, Kitsch, Klamotten und Andenken bieten ihre Waren an, Kinder lachen, Menschen fotografieren. Ein, zwei Kapellen spielen vor und nach dem Event, keine brasilianische Musik, aber auch keine schlechte. Die Geige weint und später am Abend wird es dann manchmal doch noch grauenhaftes Gewummere, begleitet vom leisen Summen der Moskitos.

Die Touris kommen

Die Touris kommen

Strand ist übrigens maßlos übertrieben, vorallem nachdem die Strandbars vor ein paar Monaten gesetzeskonform abder doch gewaltsam entfernt wurden. Und diesen Hype um den Sonnenuntergang verstehe ich auch erst, als mir klar wird, dass die Küste ja nach Osten blickt: Der Sonnenaufgang eignet sich nicht so gut zum Feiern.

Nun könnte es hier eine tolle Seglergemeinschaft geben. Tut es ja auch – unter den Franzosen. Ich kann aber kein Französisch. Die Briten sind recht nett, aber so richtig warm werden wir nicht mit ihnen. Da sind die Australier schon besser drauf, auch die beiden Deutschen, die vor kurzem kamen. Alle schon ewig unterwegs, da gibt es viel zu lauschen. Leider bleiben sie nicht lange…

Nein, das Krokodil hat mich noch nicht losgelassen, aber es wird!

Das Krokodil hält mich in den Klauen

Das Krokodil hält mich in den Klauen

INFO

folgt – ich muss mich hier noch umsehen…

4. Mai 2016
von Steffi
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Piraten – gefürchtet oder geliebt, bewundert und herbeigeträumt?

Ist es nicht seltsam, wie wir zu Piraten stehen? Nicht nur wir Segler, auch „normale“ Menschen fühlen sich in ihrer Phantasie zu ihnen hingezogen, fürchten sie aber in der Realität – durchaus zu Recht!

„Der vermeintlich heldenhafte und ruhmreiche Charakter der Piraterie im herrschaftsfreien Raum der hohen See und die Vorstellung von zusammengetragenen Reichtümern haben wesentlich zur bleibenden Faszination der literarisch-medialen Figur des Piraten beigetragen. Die Darstellung der Piraten schwankt hierbei zwischen Dämonisierung und romantisch verklärter Überhöhung.“  Quelle: Wikipedia

Im Karneval verkleiden wir uns als Pirat oder wenigstens als seine Braut, wir hissen fröhlich den Jolly Roger, drucken ihn auf unsere T-shirts, wir nennen uns Pirat bei Facebook und spielen entsprechende Spiele. Es gibt sogar eine Piratenpartei in Deutschland! Die Damen (und bestimmt auch mancher Herr) träumen von einer Nacht in Captain Jack Sparrows Armen, wir strömen wie die Lemminge ins Kino, wenn Johnny Depp mal wieder in seine Rolle schlüpft. Kaum ein Segler in St. Vincent wird die Bucht mit den Filmkulissen auslassen…

Jolly Roger auf Yemanja

Jolly Roger auf Yemanja

Und da genau da treffen wir auf die harte Realität: Vor kurzem wurde dort ein deutscher Segler bei einem Überfall erschossen. Piraten sind für Segler vor allem in der Nähe Venezuelas eine ganz reale Gefahr. Und nicht nur dort, Noonsite ist voll mit Vorfällen und Warnungen. Viele Weltumsegler nehmen den vom seglerischen her gefährlicheren Seeweg ums Kap der Guten Hoffnung in Kauf, um ja nicht in die Hände von den Piraten vor dem Horn von Afrika oder im Golf von Aden zu gelangen.

Das ist Rollo Gebhard bei seiner ersten Reise passiert: Unerfahrenheit und falsches Material führte zu Übermüdung, die dazu, dass er an einer gefährlichen Küste ankerte. Es war schieres Glück, dass er mit dem Leben davon kam. Auch wurde er einmal von der albanischen Küstenwache gekapert, wieder entkam er nur durch Glück einem ungewissen Schicksal.

Und doch vereint Rollo Gebhard für mich den Segler und den romantisch verklärten Piraten zu der Person, die wir – oder zumindest die Herren unter den Lesern – vielleicht sein möchten: unerschrocken, verwegen, frei und ungebunden, den Elementen trotzend, ein Ziel fest vor Augen, Strapazen aushaltend, Wind und Wetter trotzend, wilde Küsten erkundend, Eingeborene und interessante Menschen treffend, der Damenwelt nicht abgeneigt – dabei natürlich grundehrlich und wie Fitzcarraldo Opern liebend…

All das mit einfachsten Mitteln!

Ist Rollo Gebhard ein Held, ein Vorbild für all jene, die heute mit der ARC in Booten, vier bis fünfmal so groß als seines, bis unter die Zähne mit modernster Technik, Waschmaschinen und Watermaker bewaffnet den Atlantik queren? Für diejenigen, die den stürmischen Weg um Kap Hoorn wagen? Oder gar im Norden durch die Bering-See? Was ist übrig geblieben von den verwegenen Unternehmungen vergangener Tage? Was hinterlassen wir unseren Nachkommen?

Die Botschaft, dass jeder seinen Träumen folgen sollte? Dass viel mehr möglich ist, als sich Max Mustermann vorstellen kann? Ohne Rentenversicherung und Zukunftsangst? Etwas anderes als mein Haus, mein Auto, mein Boot? Okay, letzteres brauchen wir Segler!

Hinterlassen wir Kinoträume? EBooks? Sind wir Segler ansteckend mit – Seefieber? Trotz Piraten?

Wir wollen doch alle unbeschadet durchs Leben gehen – warum verklären wir dann die Piraten vergangener Zeiten so? Es waren Mörder, Kidnapper, Erpresser und Diebe, genauso wie diejenigen, die heute ihr Unwesen treiben!

„Die altrömischen Staatsmänner nannten den Piraten den “Feind aller”. Für viele Somalier aber sind nicht die Piraten der Feind, sondern die ausländischen Fischer, die der somalischen Küste mit ihren Booten immer näher kommen. Die Ausländer bedienen sich in den Gewässern. Keine Ordnungsmacht schützt die Küste, und so begannen die Somalier vor etwa zehn Jahren, die fremden Schiffe anzugreifen. Sie merkten schnell, dass es ein gutes Geschäft war, die Besatzung als Geiseln zu nehmen und Lösegeld zu verlangen – einträglicher, als weiter fischen zu gehen.“ Quelle: Die Zeit

Sicher, irgendwie haftet ihnen etwas Robin-Hood-haftes an, auch heute noch: Die Armen holen sich, was die Reichen ihnen vorenthalten…

„An Bord, sagt Salaax, hätten sie viel über Frauen gesprochen. Bei denen kämen Piraten gut an. Piraten würden in Somalia janale genannt, wie früher die Arbeiter, die aus Saudi-Arabien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten zurückkamen, gut gekleidet, mit dicken Bäuchen. Jeder Vater wolle seine Tochter einem janale zur Frau geben. In Somalia ist ein Pirat einer, der es geschafft hat.“ Quelle: Die Zeit

Rollo Gebhard fuhr unbekümmert los, er überlebte Kaperung und Piraterie mit viel Glück – ich möchte niemals in seine Lage kommen!

Deshalb beschäftigt mich noch etwas anderes: Wenn all das wächst, dem wir Aufmerksamkeit und damit Energie schenken, inwieweit nehmen dann Überfälle durch moderne Piraten zu, indem wir ihre Vorfahren und ihren Status verklären? Was genau „träumen“ wir da ins Leben?

Was genau ziehen wir in unser Leben mit unserer Angst? Oder sorgt die spielerische Auseinandersetzung für Sicherheit? Immerhin gab es 2015 vor Somalia keinen Piratenangriff mehr. (Der Spiegel)

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Angst sich ausdrücken muss: Wovor auch immer ich große Angst habe, es tritt etwas Beängstigendes eint. Da ich gleichzeitig vollkommen von meiner Sicherheit überzeugt bin, verläuft das immer gimpflich. Trotzdem achte ich darauf, meinen Angst- oder Schmerzkörper nicht zu nähren. Das heißt, mir meiner Gefühle und Gedanken bewusst zu sein ohne mich von ihnen überwältigen zu lassen: Hier und jetzt bin ich immer sicher.

Damit höre ich jetzt auf und beschäftige mich wieder mit unserer Sicherheit und den angenehmen Dingen des Lebens. Mit meinem festen Glauben an das Gute im Menschen. Mit Vertrauen. Vertrauen in meine Sicherheit, ins Leben, ins Universum, darin, dass das Beste für alle geschieht. Schließlich fahren tausende Segler sicher über die Meere, wunderbare Menschen und Gemeinschaften treffend!

Und zu den angenehmen Dingen des Lebens gehören Rollo Gebhard und Captain Jack Sparrow. Und mein Pirat. Vielleicht ein Tänzchen?

Wie stehst du zu modernen, historischen und fiktiven Piraten? Und was hälst du von dem manchmal naiven und doch so verwegenen Segler Rollo Gebhard?

INFO

Buch Rollo Gebhard: Seefieber, Verlag Millemari

Hier geht es zu weiteren  Teilnehmern der Blogroll

Weitere Bücher von Millemari

Für diese Rezension/Blogroll wurde mir ein Exemplar des Buches von Millemari zur Verfügung gestellt.

Quellen:

Wikipedia

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/keine-piraten-uebergriffe-vor-somalia-im-jahr-2015-14047726.html

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/horn-von-afrika-was-wurde-aus-den-piraten-von-somalia-a-985982.html

http://www.zeit.de/2016/04/piraterie-asylbewerber-somalia-verdacht