Ria de Muros e Noia

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Lila! Das Badezimmer ist lila, lila wie unser Gästezimmer, mit Schränken ähnlich Ikea und liebevollen Details. Es gibt eine, nein ganze zwei, regulierbare Regenduschen, mit Massagedüsen. Ich fühle mich fast wie zu Hause! Das Marinabüro in Muros sieht mehr wie ein Wohnhaus als ein Büro aus, mit gemütlichem Wohnzimmer, Küche mit Waschmaschinen und einem liebevollen kleinen Garten. Welch ein Kontrast zu den Sanitäranlagen in Camaret sur Mer!

Auch der Ort Muros, einst einer der bedeutendsten Häfen Spaniens, ist sehr hübsch, mit alten Steinhäusern, kleinen Plätzen mit Tapasbars und einer gepflegten Strandpromenade. Der Supermarkt ist keine zwei Minuten von der Marina entfernt. Hier könnte frau es aushalten – wenn die Marina nicht völlig überteuert wäre. Wir hatten uns schon gewundert, wieso so viele Schiffe in der Bucht vor Anker liegen und die Marina zu vierfünftel leer steht. Das nenn‘ ich verfehlte Preispolitik!

Wir nutzten heute Vormittag die Nähe des Supermarktes um uns mit Bier, Obst und Wasser einzudecken, füllten die Wassertanks – mit der Gießkanne. Wir haben zwar ein Sortiment an Gardena-Schlauchanschlüssen, aber keiner passt. Die Gießkanne und eine neue, besser eine alte, aber gefüllte, Gasflasche erstanden wir im örtlichen Eisenwarenhandel. Ja, so etwas gibt es hier noch! Er mutet wie ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert an, überfüllt mit Beschlägen, Schrauben, Farben, Angelausrüstung, Kochtöpfen, Kärcher, Bohrmaschinen, Schraubendrehern, Muffinförmchen, Heckenscheren… In Deutschland gibt es all das nur mehr schick präsentiert im Knauber auf der grünen Wiese.

Den Rest des Tages liegen wir in der Bucht nebenan und lassen uns endlich die Sonne auf den nackten Bauch scheinen. Bisher war es mir dazu immer viel zu kalt und zu windig. Ich übe mich in Gewahrsam*: 3 x 3 Atemzüge lang der Luft in meiner Nase, der Wärme der Sonne auf meinem Bauch und des Surrens des Windgenerators gleichzeitig gewahr sein; oder Luft in der Nase, Wind im Gesicht, Lage des Körpers. Mal gelingt es, mal schweifen meine Gedanken wieder ab…

Ist schon interessant wie so ein Gehirn funktioniert. Seine Aufgabe ist es unter anderem*, Neues mit gespeicherter Erfahrung und Wissen abzugleichen. Das erleichtert das Lernen, übrigens im Alter noch mehr, wegen des größeren Erfahrungsschatzes. Wenn ich etwa in der Auslage eines Geschäftes „Rebajas“ lese, daneben ein Prozentschild, kann es sich nur um Angebote handeln. Wird auf der Seekarte dann ein Gebiet mit „Bajo …“ bezeichnet, weiß ich, es ist eine Untiefe. So hantle ich mich durch fremde Sprachen.

Diese Funktion des Gehirns schützt uns auch vor Gefahren, nach einem Trauma manchmal so vehement, dass ein kleines Geräusch zur Panik führt. So nützlich dies ist, es hindert uns auch daran offen und begeistert wie ein Kind auf Neues zuzugehen: Ich erinnere mich noch gut, an unseren ersten Besuch in Imbassai, als wir alle dachten, da kämen wir nicht mehr lebend raus – heute ist dieser Ort unser persönlicher Inbegriff vom Paradies.

So laufen viele Reisende eigentlich mit Scheuklappen durch die Gegend, sehen nur, was ihnen vertraut ist, lassen sich auf nichts Neues ein, übersehen die Einzigartigkeit eines Ortes, eines Volkes oder einer Situation.

Auch wir verfallen immer wieder ins Vergleichen: Einige Häuser in Muros sehen aus wie die in Kroatien, andere erinnern uns an Minas Gerais. Der ganze Ria de Muros e Noia sieht aus wie der Attersee von Weyregg aus betrachtet: Sanfte, bewaldete Hügel, dazwischen kleine Orte und Höfe. Auf der anderen Seite des Ria sieht es wieder mehr nach kroatischem Karst aus…  Darüber übersehe ich fast die Sandstände, die Fischerboote, die Segler und die einzigartige Schönheit der Kombination all dieser Elemente. Und die Zahnstocher! Wie kann ich nur die Zahnstocher  vergessen, die wie Haare auf den Kopf von Kinderzeichnungen von den Hügelkuppen abstehen: Windmühlen, große und kleine, einzeln und in Gruppen!

Womit wir wieder beim Abgleichen, Einsortieren und Kommentieren wären…

Also retour: Luft in der Nase, Wind im Gesicht, Popo auf dem Sitz…

 

* Ezra Bayda: Zen sein – Zen leben
* Deepak Chopra und Rudolph E. Tanzi: Superbrain

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