6. September 2015
von Steffi
Keine Kommentare

Bist du so ein Mensch?

Sie kamen in der Nacht. Gegen vier Uhr morgens. Sie mussten aufstehen, etwas anziehen, rafften ein paar Dinge zusammen. Er umklammerte seine Lieblingstasse, jene, aus der er jeden Morgen seinen Kaffee trank. In den er das Brot tunkte. Doch die Männer schlugen sie ihm aus der Hand, sie zerschellte im Straßengraben.

„Die brauchst’ nimmer.“

Der Mann, seine Frau, seine Tochter und seine alten Eltern wurden auf ein Pferdefuhrwerk verladen. Mit ihm, dem Bürgermeister, mussten noch andere einflussreiche Männer mit ihren Familien den Ort verlassen: Der Kaufmann, der Feuerwehrmann, der reichste Bauer.

An der Grenze wurden sie einfach aus dem Hänger gekippt, wie Rüben. Männer, Frauen, Alte und kleine Kinder purzelten übereinander, doch keiner wurde verletzt. Zu Fuß machten sie sich auf den Weg nach Heiligenkreuz.

Dort war ein Verwandter Mönch, dort würden sie vielleicht Hilfe bekommen.

Die Mönche hatten so kurz nach dem Krieg ebenfalls nichts, auch die Bevölkerung hatte nicht viel, dass sie geben konnte. Vom Staat Österreich – gab es den im August 45 überhaupt schon? – gab es keine Unterstützung.

Und doch fanden sie Menschen: Menschen, die den Vertriebenen, den Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf gaben, ein wenig Arbeit, Kinderhüten und Kühe melken, und sich für sie einsetzten.

Ohne diese Menschen gäbe es mich wohl nicht: Wie hätte meine Mutter, die Tochter des Bürgermeisters, denn sonst überlebt?

Was ihr damals half zu überleben, brauchen wir angesichts der Flüchtlinge und Asylbewerber auch heute: Menschen.

Menschen, die keine Angst haben, keine Angst, etwas zu verlieren, keine Angst vor dem Fremden. Menschen, die sich sicher fühlen, denn nur dann können sie teilen, geben und für andere da sein.

Wir brauchen also Menschen, die Sicherheit in sich schaffen. Denn, nein, im Außen gibt es keine. Wir können immer nur unser Selbst sicher sein. Gewissheit haben, dass wir fähig sind zu überleben, Frieden und Erfüllung für uns und in uns selbst zu schaffen. Wer sich als Opfer fühlt, kann das nicht.

Dazu brauchen wir Menschen, die bereit sind, sich selbst zu erkennen, sich ihren Schatten und Ängsten, ihrer – angenommenen – inneren Wertlosigkeit, zu stellen. Die erkennen, wie wertvoll und wunderbar sie sind, in ihrem ureigensten Wesen, unabhängig von dem, was sie tun, denken oder was ihnen angetan wurde.

Vorurteile sind solche Schatten. Die haben immer nur die bösen oder dummen Anderen, aber nie ich selbst. In Wahrheit haben wir sie alle. Sie sind sogar lebensnotwendig, denn sie helfen uns auf Grund bisheriger Erfahrung eine Situation oder einen Menschen schnell einzuschätzen: Angreifen, Fliehen oder in die Arme nehmen? Wie sehr wir Vorurteile brauchen, um uns sicher zu fühlen, habe ich erst unterwegs erkannt: Wenn ich auch Grund meiner Erfahrung eine Situation nicht einschätzen kann, fühle ich mich sehr unwohl und unsicher. Im gleichen Zug muss ich natürlich meinen Erfahrungsschatz erweitern und meine Vorbehalte anpassen. Normalerweise geschieht das so automatisch, dass wir unsere eigenen Vorurteile nicht mal bemerken. Sie sind nur dann ein Problem, wenn sie verhärten.

Eine weitere Möglichkeit Sicherheit im eigenen Leben aktiv zu gestalten ist es, den Schmerzkörper auszuhungern. Das Konzept des Schmerzkörpers beschreibt Eckhart Tolle in seinem Buch „Eine neue Erde“ sehr gut. Kurz gesagt, ist der Schmerzkörper eines Menschen eine Art Energie aus all den unverarbeiteten Schmerzen und Verletzungen, aus Kummer, Sorgen und Wut. Immer, wenn wir verletzt werden, wütend sind, grollen, Schuld zuweisen und oder uns als Opfer fühlen, nähren wir ihn. Wenn wir uns bewusst werden, was gerade geschieht, wenn wir ins Hier und Jetzt gehen und unseren Körper und unsere Gefühle bewusst wahrnehmen, entziehen wir ihm Nahrung.

Laut Tolle ist der Schmerzkörper verantwortlich, wenn wir mit anderen zusammenkrachen oder Unfälle erleiden. Das mag verrückt klingen – aber heißt es nicht, dass nur ein Depp, die gleichen Fehler immer wieder macht und nichts Neues probiert? Genau das tun wir aber: Wir verstärken unsere Grenzposten, bombardieren mit Worten oder Waffen, wir greifen an – ist damit schon jemals ein Problem gelöst worden, ohne dass ein neues entsteht? Also liebe Menschen, lasst uns etwas Neues versuchen und hungern wir unsere Schmerzkörper aus!

Und natürlich brauchen wir Menschen, die sich um die Flüchtlinge kümmern: Menschen, wie jene Blogger die die Aktion #BloggerFueFluechtlinge ins Leben gerufen haben. Oder wie jener Mensch, der vor dem Erstaufnahmelager in Traiskirchen – der Ort, in dem ich groß wurde – kostenloses WLan für die geflohenen Menschen zur Verfügung stellt, damit sie mit ihren Lieben in Verbindung treten können. Oder wie die vielen Menschen, die Nahrung und Kleidung spenden, Wohnraum zur Verfügung stellen oder Deutschkurse geben. Und wir brauchen Menschen, wie dich und mich, die ihre Stimme für ein friedliches Miteinander erheben und die Aktiven durch Spenden finanziell unterstützen, zum Beispiel bei der Aktion von BloggerFuerFluechtlinge oder einer anderen Organisation.

Wir brauchen Menschen, die in den Flüchtlingen und Asylbewerbern – egal aus welchem Grund – Menschen sehen. Die verstehen, dass unsere Ängste und Sehnsüchte, unsere Sorgen und Nöte, und vor allem unsere Liebe zu unserer Familie oder unseren Freunden gar nicht so sehr verschieden sind, wie Herkunft, Religion oder Hautfarbe uns glauben lassen.

Wenn wir Flüchtlingen wirklich helfen wollen, sie integrieren wollen, miteinander in Frieden leben wollen – alle – dann können wir das nur alle zusammen tun. Das eigene Volk zu spalten und zu bekämpfen bringt da gar nichts.

Wir brauchen deshalb auch Menschen – und dieser Punkt liegt mir besonders am Herzen – die andere Menschen nicht als Rassisten, Neonazis oder Vollpfosten abstempeln, sie somit isolieren, in die Enge treiben und ihre Ängste noch vergrößern. Wer das tut, macht nichts Anderes als eben jene „Besorgten“: Er steckt Menschen in Schubladen, pauschalisiert, grenzt aus und ab, erhärtet die eigenen Vorurteile. Und das müssen wir verstehen, wenn wir ein friedliches, offenes Miteinander aller Menschen wollen.

“Hass wird nicht durch Hass, sondern durch Liebe besiegt”, sagte Buddha

Deshalb brauchen wir Menschen, die auf Neonazis und deren Umfeld zugehen und ihnen die Ängste nehmen. Oder diese Ängste wenigstens ernst nehmen. Menschen, die sehen, was sie mit uns und den Flüchtlingen eint: Sorge um die Liebsten, Angst vor Isolation und um die Lebensgrundlage, ja ums Leben. Die ihnen jene Anerkennung und Zuwendung geben, die sie ihr Leben lang vermisst haben. Die ihnen Chancen und eine Perspektive geben. Argumente helfen wenig – wer Angst hat, zu kurz zu kommen, hört nicht zu! Er muss sich schützen, abgrenzen und kämpfen. Die Grenzen in den Köpfen können wir nur einreißen, wenn wir die Angst verlieren und der Liebe und dem Mitgefühl Raum geben. Seht euch dazu auch die Regeln von Blogger für Flüchtlinge an.

Wir brauchen Menschen, die Mitgefühl entwickeln – nicht Mitleid! Wer mit anderen leidet, das Leid andere auf sich selbst bezieht, nährt nur seinen Schmerzkörper. Er kann gar nicht wirklich helfen, weil er seinen eigenen Schmerz betäuben muss. Wer mit anderen mitfühlt, bezieht den Schmerz nicht auf sich selbst, und hat so genügend Abstand um wirklich zu helfen.

Und vielleicht brauchen wir für all das Menschen, die die Buddhasaat in ihrem Inneren hegen und pflegen:

„Wir werden die Erde nicht zu einem friedlicheren, gerechteren und saubereren Ort machen, indem wir Manifeste schreiben, Gesetze erlassen, auf Demonstrationen herumhängen und Kriege führen, sondern nur durch innere Arbeit. Wenn sich immer mehr Menschen darum kümmern, dass die Buddhasaat in ihnen nicht vertrocknet, sondern keimt und wächst und blüht und fruchtet, dann wird mit uns, mit jedem Einzelnen von uns eine Kultur der Weisheit und der Liebe keimen und blühen.“ Michael Feike in „We will die“

Bist du einer von diesen Menschen? Wie setzt du dich für Flüchtlinge und ein friedliches Miteinander ein?

Weitere interessante Beiträge dieser Aktion findest du bei co-co-co.de und unter dem Hashtag #BloggerFuerFluechtlinge auf Google+, Twitter und Facebook.

Ich mache bei dieser Aktion mit, weil meine Eltern Flüchtlinge waren. Weil es mir heute so gut geht, dass ich um die Welt segeln kann. Weil ich Enkelkinder habe, die in einer friedlichen, liebevollen Welt aufwachsen sollen. Und weil alle Groß-Eltern dieser Welt das für ihre Kinder wünschen.

 

 

 

1. September 2015
von Steffi
Keine Kommentare

Busfahrt

Wie kommen wir vom Flughafen zum Schiff, nach Rio Vermelho zu unseren Freunden, zur Autovermietung und zum Casa de Iemanjá? Ich muss ihr doch Blumen bringen!

Yemanja in Rio Vermelho

Yemanja in Rio Vermelho

Mit dem Bus!

Und das ist ein weitaus aufregenderes und gefährlicheres Unternehmen als den Atlantik in einer etwas größeren Nussschale zu überqueren!

Die Busse gehen gleich neben der Marina ab, ein Bus nach dem anderen kommt angeflogen. Busfahrpläne gibt es nicht, kein Mensch weiß, welcher Bus wo nach Rio Vermelho fährt. Also machen wir es wie die Einheimischen, die auch alle mehr oder weniger nervös ihren Bus suchen:  Sie stehen mitten auf der Straße, winken dem Bus mit der ausgetreckten Hand und fragen den Schaffner:

„Passa Rio Vermelho?“

Einer nickt, wir springen rein, drücken unsere 6 Reals, drei pro Person und Fahrt ab, und los geht die Achterbahn!

Der Bus rast mit Höchstgeschwindigkeit über die holprigen Straßen, vier Meter Welle ist Kindergeburtstag dagegen! Es schleudert uns hin und her, während der Bus millimetergenau an Autos, Bussen, Motorrädern und Fußgängern vorbeiprescht. Durch die Kurven rast er mit durchgedrückten Gaspedal, ich kann mich kaum festhalten, meine Tasche hängt im 45 Grad Winkel von meiner Schulter. Die Stoßdämpfer klappern. Laut quietschen die Bremsen, die vor den Haltestellen in letzter Sekunde eingesetzt werden. Wenn nur einer aussteigt, bleibt der Bus kaum stehen, gibt wieder Gas, setzt zu den nächsten Sprüngen an, über die Schlaglöcher und Quebra-Molas, jene Bodenwellen, die die Geschwindigkeit drosseln sollten…

Wir haben das jetzt schon ein paar Mal überlebt! Sogar schwarz sind wir schon gefahren, hochoffiziell: Die Schaffnerin konnte den Fahrpreis von sechs Reals nicht auf 20 Real herausgeben und wies uns an, vor dem Drehkreuz Platz zu nehmen. Der Bus hielt zweimal zum Wechseln an, einmal an einem Kiosk, einmal an einer Tankstelle, keiner konnte wechseln…

Haaltestelle vorm Centro Nautico

Haltestelle vorm Centro Nautico

 

16. August 2015
von Steffi
Keine Kommentare

Wenn die Fischer heimkommen – Ponta do Sol

Heute ein bunter Rückblick auf Santo Antao, Cabo Verde:

Die Einfahrt in den Hafen von Ponta do Sol ist schwellig und nur bei einlaufender Flut zu bewältigen

Hafeneinfahrt

Hafeneinfahrt

Die Schiffe werden schnell an Land gezogen, denn der Hafen ist klein, es ist nur wenig Platz.

Fischmarkt Santo Antao (3)

Es gibt immer eine Menge Helfer.

Fischmarkt Santo Antao (11) Fischmarkt Santo Antao (15)

Und Zuschauer

Fischmarkt Santo Antao (12) Fischmarkt Santo Antao (1)

Die Fische werden begutachtet

Fischmarkt Santo Antao (17)

Gewogen und ausgenommen

Die Hunde freuen sich (Die Hafeneinfahrt ist eng!)

Fischmarkt Santo Antao (6)

Taucher bringen einen “Karnevalsfisch” – es ist schließlich Weiberfastnacht!

Regenbogenfisch

Regenbogenfisch

Boote werden repariert

Fischmarkt Santo Antao (14)

Nach getaner Arbeit wird gespielt

Fischmarkt Santo Antao

Santo Antao hat uns sehr gut gefallen. Die Berichte findet ihr unter Erste Eindrücke und Wanderung entlang des Meeres und Wanderung ins Tal und hier.

Kornblumen

5. August 2015
von Steffi
Keine Kommentare

Ein Meer aus Kornblumen

In unserer Segelpause besuchen wir meine Mutter, mein Elternhaus, die Orte meiner Kindheit. Und ja, das gehört hierhin, weil auch wir Segler Eltern haben, oft genug alt und fast allein zurückgelassen. Wir haben manchmal Sehnsucht und manchmal ein schlechtes Gewissen. Wir segeln auf Kosten der Zeit, die wir mit Menschen verbringen könnten, deren Zeit auf Erden begrenzt ist. Die Jahre, die meiner Mutter noch bleiben, kann ich an den Fingern einer Hand abzählen. Alles andere wäre ein Wunder.

Als ich ein Kind war, saß mein Großvater unter dem Nussbaum und sah mir verschmitzt schmunzelnd beim Spielen zu. Heute sitze ich fast an dem gleichen Platz und blicke auf die Stelle, an der ich einst in der Sandkiste spielte. Links davon trocknete die Wäsche in der Sonne, dahinter blühte rosalila der wilde Apfelbaum, rechts der Zwetschkenbaum, an dem meine Schaukel hing.

Ich war geborgen in einer Welt, die es täglich neu zu entdecken galt.

Ist Reisen ein Rückfall in die Kindheit? Sollen wir nicht werden wie die Kinder? Begeistert, offen, vergebend, wachsend, die Welt in ihrer Liebe erfassend?

Ja, genau so reise ich! Und schreite gerne in die Kindheit zurück!

Und immer wieder bemerke ich, wie meine Vorlieben, meine Sichtweise der Welt, meine Werte von meinen jungen Jahren geprägt sind.

Ich werde wohl alt, denn ich greife immer öfter in die Schatzkiste eines erfüllten, reichen Lebens.

Schluss jetzt mit dem Geschwafel: Wir fahren ins Burgenland, nach Stoob, wo mein Vater, ein Blumennarr wie ich, früher seine Tontöpfe kaufte. Stoob ist – oder war – berühmt für seine Keramik, für bunt mit Blumen bemaltes Töpfergut. Damals war das Leben sicher nicht einfach und doch genau das. Weder Versicherungen noch Anwälte, auch keine Schlagzeilen dominerten das tägliche Miteinander. So konnte ich als Sechsjährige an der Hand meiner Mutter durch die Werkstatt gehen, staunend zusehen wie Vasen auf der Töpferscheibe wie aus der Hand eines Zauberers emporwuchsen, wie sie in Öfen gebrannt, und dann händisch sorgfältig bemalt wurden. Immer durfte ich mir als Andenken ein kleines Väschen aussuchen, doch wirklich bei mir bleib etwas ganz Anderes: Ein Puzzlestein meiner Liebe zum Handwerk, zur Farbe und zur Gestaltung.

Heute starren die Kinder in ihre Smartphones…

Und Stoob ist zu Tode renoviert, mit geleckten Häusern, einem kleinen Keramikgeschäft, in die Werkstatt dürfen nur mehr angemeldete Reisegruppen ab 15 Personen.

Manchmal frage ich mich, ob die Kinder schuld sind, wenn sie in ihre Handys glotzen oder – unter anderem – eine glatte Welt.

Wir fahren weiter, Richtung Neckenmarkt, denn dort am Rande des Burgenlandes, wartet Jaqueline von der Sailor Moon bei ihrer Mama auf ihr Baby. Auf dem Weg zu ihr, gleich hinter Stoob, packt mich der Zauber dann doch:

Kornblumen! Ein, zwei, drei Felder mit Kornblumen, ein blaues Meer, an dessen Horizont ein Reh in den Wogen der Ähren versinkt.

Ich erzähle Jaqueline und ihrer Mutter davon, letztere bemerkt erstaunt, dass sie selbst das gar nicht bemerkt, ja gar nicht bewusst schätzt. Ebenso wenig wie das Badezimmer mit warmen Wasser und einem WC. Lachend erzählt sie, wie Jaqueline sich über die Toilette gefreut hatte und es keiner zu Hause verstand.

Ja so ist das oft: Was wirklich zählt, wichtig oder gar wertvoll ist, wissen wir oft erst, wenn es weg ist!

Was ist für dich von Bedeutung? Was schätzt du? Was vermisst du?