Segeln mit Yemanja

D’ Artagnan, ein Flughafen und eine Ölquelle – Geschichte, gesammelt in Ribeira, Salvador

Na gut, hat nichts mit Segeln zu tun. Und nur am Rande etwas mit Reisen. Gleichzeitig sind es diese Geschichten, die ich unterwegs leidenschaftlich aufspüre und liebend gerne erzähle.

Warum? Weil sie pures Leben sind: Schön, voller Verzweiflung und Hoffnung und nie endend!

Leben, das herrscht auch in der kleinen Gasse hinter der dritten Marina in Salvador, der Saveiro. Wir trinken abends dort bei Maria gerne ein, zwei eiskalte Bier und erfreuen uns an den „kleinen Leuten“. Ich mag sie, aber das ist eine andere Geschichte!

Ele D’Artagnan

Vor ein paar Tagen setzte sich dort ein etwa gleichaltriger, bärtiger Herr neben uns und begann ein Gespräch: Pietro Gallina wäre sein Name.

Pietro wurde im Rom geboren, unterm Forum Romanum, sagt er. Ele D’Artangan war sein Ziehvater und sein Mentor. Und der hat nichts mit den Musketieren zu tun.

Ele D‘Artagnan wurde 1911 in Venedig geboren, von einer Frau, die nicht erkannt werden wollte. So bekam er den Namen Michele Stinelli verpasst, den er sein Leben lang verabscheute. Lange suchte er nach seiner Familie, fand schließlich seine Mutter, eine Lombardi, die bei seiner Geburt Harfinistin an der Scala in Mailand war. Doch die reichen Lombardis wollten nie etwas von ihm wissen. Bis zu seinem Tod jagte er einer Anerkennung, seinem Vater und genug Geld hinterher, was ihn einerseits an den Rande des Abgrunds brachte, andrerseits die Inspiration für seine Bilder war. Er war Musiker, spielte in Filmen von Fellini mit, stand an der Seite von Marcelo Mastroianni vor der Kamera.
In den Fünfzigerjahren nahm er ein Zimmer bei einer geldarmen und kindereichen Witwe, Pietro Gallinas Mutter. Der kleine Pietro begleitete von da an D’Artagnan. In der Folge lebte D’Artagnan auf der Straße, malte sich seinen Wahn von Anerkennung von der Seele, wobei das männliche Geschlechtsorgan eine bunte Rolle spielt, wurde bekannter, fand immer wieder zu den Gallinas zurück, die ihm jedoch auch nicht helfen konnten. Ein paar seiner Werke (Fotos) hängen heute unter dem Künstlernamen D’Artagnan und seinem Herkunftsnamen Michele Lombardi-Toscanini (wobei unklar ist, ob Toscanini, dem er ähnlich sah, sein Vater war) im MOMA in New York. Jene Werke, die Pietro vor dem Verfall auf der Straße rettete, finanzieren heute das Instituto de Cultural Brasil Italia Europa. (Links siehe unten)

Pietro Gallina

Pietro Gallina verschlug es vor 12 Jahren nach Ribeira, wer weiß schon warum! Vielleicht der Liebe wegen, vielleicht, weil sein Geld hier weiter reichte als in Italien, vielleicht, weil sein Ziehvater seine Bilder nicht in Italien haben wollte, und gründete das ICBIE. Pietro Gallinas Augen leuchten, als er uns durch das Kulturzentrum führt. Er hat viel erreicht: Das Gebäude ist in einem guten Zustand, es gibt hier eine der ersten Graffiti-Schulen Salvadors, Mosaik- und Malkurse (auch der Wirt unserer Stammkneipe hat eine Studio unterm Dach), Tanz-, Capoeira- und Theaterunterricht, man kann Deutsch, Englisch und Italienisch lernen. Oder sich ein Buch ausleihen, treffen, quatschen, Musik hören, Lesungen besuchen. Im Garten wachsen Mangos, Kokosnüsse und Basilikum, auch eine kleine, einfache Pousada und ein Museum gehören dazu.

Die Wände im Hof des ICBIE ändern sich ständig

Pietro hat große Pläne: Das Museum will er erweitern, Bücher binden, den Wiener Flügel stimmen lassen. Wie er alles finanziert? Seine Möbel holt er vom Sperrmüll, die Kurse erhalten sich selbst, die Pousada hilft ein wenig, für alles andere muss er immer wieder Werke seines Mentor verkaufen. “Sou pobre, ich bin arm”, sagt er, dabei strahlt sein Gesicht heitere Ruhe aus.

Der Mann hat gefunden, was sein Ziehvater suchte.

Hidroporto dos Tainheiros

Von Pietro erfahren wir, was die Marina Pier Salvador ursprünglich war: Der erste Flughafen der Stadt!

Aus der Luft ist das Flughafen Layout gut zu erkennen. Screenshot Google

1922 landeten dort Cago Coutinho und Sacadura Cabral bei der ersten Überquerung des Südatlantiks von Lissabon über die Kanaren, Kap Verden, Fernando de Noronha, Recife, Salvador, Porto Seguro und Vitoria nach Rio. Damals war der Pier noch aus Holz. In den Jahren 1937 bis 1939 entstand an dieser Stelle ein luxuriöser, internationaler Flughafen für Wasserflugzeuge, mit Wartesaal, Restaurant, Gepäckaufbewahrung und Schaltern. Nachts beleuchteten Fackeln auf Kanus, die Straße des Feuers genannt, die Landebahn. Sirenen warnten die Badenden, Fischer und Ruderer beim Anflug einer Maschine vom Typ Catalina. Am Flughafen Hidroporto dos Tainheiros landeten internationale Stars, wie Errol Flynn, aber auch der Präsident Brasiliens, Getúlio Vargas.

Pier Salvador – Hidroporto dos Tainheiros – einst ein modernes, luxuriöser Flughafen

heute heruntergekommen

Lobato – Öl

Und das hatte wiederum mit dem Öl zu tun. Denn gegenüber, in Lobato, sprudelte die erste Ölquelle Brasiliens. Wobei, so einfach ist es nicht: Bitumen wurde schon ab der Mitte des 19. Jahrhunderts in Maraú abgebaut, später auch anderswo. Erdölvorkommen wurden auch schon früher sondiert, es gab schon einige Firmen, die sich im weitesten Sinne mit Ölförderung befassten. Doch in Lobato wurde offensichtlich das erste Mal ein Ölfeld angebohrt. Die Quelle war zwar unwirtschaftlich, aber dennoch der Anfang der Ölindustrie in Brasilien. Übrigens: Die größte Raffinerie Brasiliens ist die in der Bahia dos Todos os Santos, bei São Franciso do Conde, bis die in Maranhão in Betrieb geht.

Die Gegend wurde nach dem Kinderbuchautor Monteiro Lobato genannt, der auch eine der ersten Ölfirmen gründete, mit dem Slogan „Das Öl gehört uns“ ebendieses vor der Ausbeutung durch ausländische Firmen insbesondere aus den USA, schützen wollte. Er hatte nie eine Verstaatlichung im Sinn, sondern wollte, dass der Staat die privaten Unternehmer schützt. 1953 wurden dennoch alle privaten Ölförderer zum staatlichen Konzern Petrobras zusammengeführt.

Der Flughafen in Ribeira verlor 1943 mit dem Bau des Flughafens auf dem heutigen Gelände an Bedeutung und verfiel mehr und mehr. Und das änderte auch die Umwandlung in eine Marina nicht!

Museum ICBIE

Zum Heulen, was aus diesem historischen und einst schönem Gebäude, wurde! Über die Geschichte Ribeiras und Umgebung gäbe es noch viel zu erzählen, davon, dass Amerigo Vespucci, in der Bucht Schutz suchte, von den Kämpfen mit den Holländern, den Unabhängigkeitsschlachten, von Textilfabriken, den Arbeitern, die Häuser auf Pfählen bauten, den Ruderclubs, die schon über 100 Jahre ihre Regatten hier abhalten. Aber dafür geht ihr am besten selbst ins Museum des ICBIE, betrachtet alte Fotos und sprecht mit Pietro. Er kann ein wenig deutsch.

The side of ICBIE, Centro do cultura Brsil Italia Europa

Langweilen dich solche Geschichten? Oder magst du sie? Lass es mich wissen! Danke

INFO

Instituto de Cultura Brasil Itália Europa – ICBIE (Englisch, Italienisch und Portugiesisch)
Rua Julio David, 57, Ribeira, Salvador – das Haus mit der Muse an der Seite und den Flaggen davor.
Öffnungszeiten 9:00 bis 18:00
icbie.br (@) gmail.com

Ele D’Artagnan
www.eledartagnan.com

Hostel Piccola: Dort kann man für kleines Geld bleiben, wenn das Boot aus dem Wasser muss. Busse nach Comercio (Bahia Marina) fahren gegenüber der Kirche ab, zurück nach Ribeira beim Lacerda. Kontakt über ICBIE

Pousada Piccola

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