Segeln mit Yemanja

Was kotzen wir heute?

Tomy entscheidet sich für chinesische Instant-Nudeln mit Hühnergeschmack vom Aldi, ich für mein geliebtes Cousous.*

Wir legen mittags in La Restinga ab, quälen uns eine Stunde, um das Segel ins zweite Reff zu binden: Ich setze mich mit meinem ganzen Körper ein, um Yemanja im Wind zu halten, während Tomy auf dem Vordeck vor mir mit den Wellen zwei oder mehr Meter auf und ab schwingt. Dabei sieht er völlig entspannt aus. Nur bekommt er das Reff nicht gespannt, das Segel steht nicht, so kommen wir nicht weiter.

Außerdem deutet er mir immer wieder, ich soll das Boot im Wind halten.

Es bringt mich zur Weißglut – als ob ich das weder wüsste, noch mit all meinen Kräften tun würde! Die Wellen schmeißen mich immer wieder raus.

Genugtuung erlange ich später, als es ihm nur schwer gelingt Kurs zu halten…

Erst mal segeln wir wieder zurück, darin sind wir ja jetzt geübt.
Am Anleger in La Restinga kommt der Wind von vorne, wir können also gemütlich unser Segel trimmen. Der alte Franzose von nebenan zeigt uns, wie wir es besser machen können: Jetzt ist uns auch klar, warum das Segel zerrissen ist, eine Leine durchs richtige Auge und nichts wäre passiert!

Danach geht es hoch am Wind Richtung Gran Canaria.

Und wir kotzen nicht!

Wir hatten der schmerzlichen Wahrheit ins Auge geblickt:
Auch wir werden seekrank.

Wenn auch nicht richtig, also nur so ein bisschen flau im Magen, einmal kotzen, einen Tag keinen Appetit und gut isses. Also solange wir nicht in die Kajüte gehen, nicht auf die Toilette, nicht umziehen, nichts nachsehen oder holen. Allein der Gedanke daran, macht mir schon Bauchweh!

Diesmal also kauen wir Kaugummi gegen Reiseübelkeit**. Ob das Zeug auch gegen Zahnschmerzen hilft? Es betäubt den Mund wie die Spritze des Dentisten vor der Wurzelbehandlung. Ich spüre meinen Speichel nicht, ich weiß nicht, was ich schlucken soll – aber das Zeug hilft!

Wir klettern entspannt hinein und hinaus, haben Hunger, essen was wir in die Finger bekommen. Wir fühlen uns großartig!

Was folgt, ist eine Stunde Segeln vom Feinsten.

Irgendwann lässt der Wind nach, wir sind im Windschatten des Teide, der Dieselwind bringt uns brav durch. Doch der Teide lenkt den Wind auch ab: Kaum kommt er wieder, kommt er uns heftig auf die Nase, aus einem Winkel der es uns weder erlaubt, nach Puerto do Mogan auf Gran Canaria zu gelangen, noch nach San Miguel auf Teneriffa.

Wir kommen gegen 25 Knoten Wind und drei Meter Welle nicht gegen an. Oder schon: Mit einem oder zwei Knoten in der Stunde.

Wir haben noch 50 Seemeilen vor uns. Also 25 bis 50 Stunden in der Geschwindigkeit.

Der Wind ist günstig für La Gomera.
Was folgt, ist eine Stunde Segeln vom Feinsten.
Dann ist wieder der Teide im Weg.
Und dann kommt der Wind – von vorne!
Zu guter Letzt mal wieder mit 25 Knoten, wenigstens mit etwas weniger Welle. Für die letzten 5 Meilen brauchen wir zwei Stunden!

Als uns die Maya, die sympathischen, jungen Schweizer mit zwei kleinen Jungs an Bord, auf dem Weg zu den Kap Verden entgegenkommt, könnte ich doch kotzen. Oder heulen.

Verdammt, die schaffen das doch auch! Die sind in einer Woche da, wo wir schon sein könnten, stattdessen quälen wir uns hier herum und sind keinen Schritt weiter!

Noch schlimmer ist: Ich hab mich auf ein aufmunterndes Wort gefreut, auf Menschen, die ich kenne und mag…

Die Lady S nehme ich beim Anlegen nicht wahr.

Ich bin enttäuscht und mutlos, frag‘ mich, ob wir zu früh aufgegeben haben, zu unerfahren oder seglerisch dumm, zu ungeduldig sind, nicht den Mumm haben…

Da klopft es, Mannis fröhliches Gesicht grinst über die Bordwand.
Selten war ich so froh, ein freundliches Lächeln zu sehen!
Danke, Manni, Miri, Silvi und Elke, ihr habt mir mein Vertrauen und meinen begeisterten Blick auf unser Abenteuer wiedergegeben!

Heute Morgen läuft mir Lian, mein Engelchen fröhlich kreischend entgegen und gibt mir einen dicken Kuss.

Ich träume nicht.

Ich halluziniere nicht.

Ich skype.
Dem Universum sei Dank für Skype, das Internet und alle fröhlichen, positiven Menschen!
Hätten wir einen anderen Kurs nehmen oder uns durchbeißen sollen?

Ich rufe die Situation noch mal vor meinem inneren Auge auf:

Wir hatten um die 25 Knoten Wind und drei Meter Welle gegen uns. Kurze Schläge brachten uns in der Stunde vielleicht 2 Meilen weiter, obwohl wir den Motor zu Hilfe nahmen und so höher an den Wind kamen. Direkt gegen an, mit Motor, war noch langsamer, auch war der Autopilot mit der Wellenkraft gegen ihn überfordert. Wir hatten 50 Meilen vor uns. Auch ein langer Schlag hätte daran nichts geändert, und vielleicht sogar noch mehr abgetrieben. Wir hätten weiterhin per Hand steuern müssen, um überhaupt hoch genug für die 2 Meilen am Wind fahren zu können. Sicher, das Band mit dem Wind auf die Nase war vielleicht nur 5 oder 10 Meilen breit, auch dafür hätten wir Stunden gebraucht, ohne zu wissen, was danach kommt, wie wir durchs beginnende Verkehrstrennungsgebiet kommen. Denn die Containerschiffe, die von Afrika aus hochkommen fahren vor oder hinter Gran Canaria durch. Wir waren bereits relativ erschöpft, weil wir ja schon viel per Hand gesteuert hatten. Vor uns lagen mindestens 15 Stunden weitere Anstrengung, sowohl Richtung San Miguel als auch Puerto de Mogan. San Miguel lag genau dort, wo der Wind herkam. Außer San Sebastian auf La Gomera war kein anderer Hafen in absehbarer Zeit erreichbar.

Unser Fehler war, das Revier zu unterschätzen und unsere Kräfte nicht gut genug eingeteilt zu haben.

Abdrehen war die richtige Entscheidung.
Punkt.

We got stuck at the black point, rigth between small El Hierro, left and big round Gran Canaria, middle

*Cousous a la Yemanja

2 Karotten, 1 Zucchini, 1 Aubergine, alles bissgroß schneiden, Auberginen zuerst in Olivenöl anbraten, Karotten dazu, bis fast gar, Zucchini dazu, mit Kreuzkümmel, Vegeta (Gemüsebrühe), Salz und Pfeffer würzen, eventuell einen Hauch Zimt dazu.

Das Gemüse kann jetzt gekühlt aufbewahrt werden.

Eine Handvoll Rosinen und eine normale Kaffeetasse feines Bulgur/Couscous mit heißem Wasser übergießen, nochmals Salz oder Vegeta dazu und quellen lassen. In der Zwischenzeit das Gemüse erwärmen.

Oder alles zusammen in einer Auflaufform im Ofen erwärmen. Oder Gemüse kalt ins Cousous mischen, je nach Seegang! Oder gleich essen, solange alles warm und frisch ist.

An Land schmeckt es auch mit fleischlicher Beilage, Lamm, zum Beispiel.

**Biodramina Chicle, erhältlich in spanischen Apotheken

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