Sestri Levante – Gehen mit Yemanja

| Keine Kommentare

Uns gefällt es in Sestri Levante, wo wir im Frühling waren und auf unserem Weg nach Korsika Halt machten. Grund für den Zwischenstop war mal wieder ein ausgefallener Motor, davon in einem der nächsten Beiträge. Sestri Levante ist nicht zu verwechseln mit Sestri Ponente! Die beiden Orte könnten unterschiedlicher nicht sein: Sestri Ponente im Westen von Genua ist ein etwas heruntergekommener industrieller Stadtteil, mit großen Werften, dem Flughafen und unserer Marina.

Sestri Levante, im Osten von Genua gelegen, hat eine hübsche Altstadt, einen romantischen Strand und köstliches Essen. Außerdem einen guten, in der Vorsaison leeren Ankerplatz. Was wir nicht finden, ist eine Anlegestelle fürs Dinghi. Fahrtensegeln scheint hier nicht in zu sein. Die Italiener kommen am Sonntagnachmittag, ankern, legen sich in die Sonne, Essen und fahren wieder. An Land geht keiner. Dabei ist dieser Ort bezaubernd! Komm, ich nehme dich mit auf einen kleinen Rundgang:

Das Dinghi lassen wir am Steg der Costa Guardia, sicher nicht legal, die schaut glücklicherweise nicht vorbei. Sicherheitshalber wenden wir uns erst mal nach rechts, zum Jachtclub und auf die Pier, wo die Fischerboote liegen. Auch dort entdecken wir keinen guten Ort fürs Dinghi, eventuell neben dem Kran. Wir gehen wieder zurück, Richtung Ort.

Rechts von der Kirche steigen wir hinauf auf den kleinen Berg, auf dem der Turm steht, von dem aus Marconi die ersten Versuche mit Kurzwellenübertragung machte. Leider steht der Turm auf dem Gelände des Hotels dei Castelli und ist nicht für die Öffentlichkeit zugänglich.

Wir wundern uns sowieso über etwas Anderes: Den Berg hinauf liegt versteckt quasi ein ganzes Dorf! Der gepflasterte Weg führt oben nach links und rechts weiter den Berg hinauf. Vor uns liegt die Ruine der Kirche Santa Caterina, die im zweiten Weltkrieg zerbombt wurde. Der Wunsch nach Frieden ist über der Gedenkstätte in Stein gemeißelt: Liebe Italiener, die EU ist der beste Garant für Frieden, zerstört sie nicht, setzt euch für ihre Erneuerung ein!

Sestri Levante - www.sy-yemanja.de

Gedenkstätte Santa Caterina

Gleich daneben, noch ein Stückchen höher, liegt die Kirche San Nicolo aus dem 12. Jahrhundert, die aber verschlossen ist. Dahinter führt ein Weg noch weiter hinauf, aber leider nicht zum Marconiturm sondern an eine Wand bzw. einem Zaun. In diesem Turm machte Herr Maconi seine ersten Versuche mit Kurzwellen.

Wir gehen wieder zurück, halten uns aber diesmal rechts. Bald führt eine Gasse rechts zum Strand in der Baia del Silenzio, eine romantische, kleine Badebucht. Die Sonne scheint warm dieses Jahr im April, so sind einige Menschen am Strand. Wir mögen nicht durch den Sand gehen, also schlendern wir zurück zur Straße – die ja auch nur eine dieser engen ligurischen Gassen ist – und wenden uns wieder nach rechts. (Wir gehen also von oben kommend geradeaus weiter). Beim Restaurant Polpo Mario beigen wir wieder rechts ab, gehen am Strand und am Hotel Helvetia vorbei hinauf zur Kirche Immaculata: Der Blick auf die Bucht ist ein Traum!

Sestri Levante - www.sy-yemanja.de

Baia del Silenzio

Kaum öffne ich die Kirchentür, muss ich schmunzeln: Mit Wucht strahlt mir die Marienstatue über dem Altar entgegen. Gut, die Kirche ist der Unbefleckten Empfängnis Marias geweiht, aber manchmal frage ich mich doch: Um wem genau geht es in der katholischen Kirche nochmals?

Maria flasht mich

Wir gehen zurück, bei Polpo Mario wieder nach rechts. In dieser Straße sind viele hübsche Geschäfte, kaum Touristennepp, eher echtes italienisches Leben, oder besser: Lebensmittel. In der Pastificia Moderna gibt es wunderbare frische Pansotti, Gnocchi aus Kastanien, Ravioli mit Artischockenfüllung sowie die passenden Saucen, in der Panificio-Gastronomia Luca2 gutes Brot und die besten Pizzastückchen der Stadt: Ein längliches Stück Pizzateig, belegt mit Anchovis, Tomaten und Käse oder mit Schinken oder Pilzen – köstlich!

Der Name dieser Straße erinnert übrigens an die kampflose Übergabe der Stadt Genua durch die deutschen Besatzer an die Partisanen. Genua war damit die erste befreite Stadt in Italien und die einzige, die keine Hilfe der Alliierten benötigte: Es ist die Straße des 25. Aprils 1945.

Beim Haus Nummer 95 geht es wieder rechts durch Durchhaus, danach gleich links die Treppen hinauf zu einer schönen, etwa zweieinhalbstündigen Wanderung: Über schier endlose Treppen geht es an Olivenhainen und an Wiesen voller Allium, Löwenzahn, Gänseblümchen, allerleie Blatterbsen und Klee hinauf auf den Berg. Immer wieder gibt es einen schönen Blick hinunter in die Bucht. Bald geht die Vegetation über in einen Pinienwald und schließlich in Macchia. Oben am Berg hast du einen schönen Blick auf die noch weit entfernte Cinque Terre. Du könntest jetzt hinunter ins wenig attraktive Riva Trigoso gehen und mit dem Zug zurückfahren, oder einfach den gleichen abwechslungsreichen Weg nach Hause nehmen.

Unser Ziel für heute ist jedoch der kleine Gemüseladen gegenüber des markanten Turms des Palazzo Facie Rosse: Dort gibt es lila Spargel, Radicchio in verschiedenen Sorten, reife Tomaten in mindestens 8 Varianten – im April! – Zichorie und etwas, das fast wie ein Bündel Schnittlauch aussieht, nur dass die langen dünnen Blätter verzweigt sind. Das möchte ich heute Abend kochen, auch wenn ich noch keine Ahnung habe, was es ist und wie ich es zubereite. Davon erzähle ich dir ein andermal.

Rechst versteckt im Bild liegt das Gemüsegeschäft

Wir gehen nach erfolgreichen Kauf am Strand der Baie del Favole, der Fabel- oder Märchenbucht zurück: Sie trägt ihren Namen, weil Hans Christian Anderson sich öfter in Sestri Levante aufhielt. In der Unterführung am Bahnhof sind einige Motive seiner Märchen gemalt, leider fehlt die Kleine Meerjungfrau. Aber wir freuen uns, dass die Costa Guardia auch diesmal nicht an ihrem Steg vorbeikam und unser Dinghi unbehelligt ließ.

Von der Anlegestelle der Guardia Costa bis zum Gemüseladen (ohne Wanderung) ~ 2,8 km; 4800 Schritte


Laufen oder Joggen mögen meine Füße nicht, also gehe ich. 30km in der Woche sind mein Ziel, am liebsten über Stock und Stein. Das ist weniger, als die von den Krankenkassen propagierten 10000 Schritte am Tag, aber das, was angeblich unsere Vorfahren in einer Woche zurücklegten

Gehen ist eine Kolumne die jeden Samstag in der Freizeit-Beilage des Kurier erscheint, rund 500 Wörter kurz, mal mehr, mal weniger informativ und persönlich. Mir gefällt sie! Nicht, dass ich an die Qualität der Schreibe von Herrn Christian Seiler herankomme, als Inspiration für kurze Beiträge möchte ich sie dennoch nutzen.

 

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.